Future Talents Reports

Steigende Wertschätzung

Ausgabe-Nr.: 4/2020

Kristina Bierer, Future-Talents-­Expertin und Studienleiterin bei Clevis: „Future Talents ist es extrem wichtig, bereits zu Beginn ihres Berufslebens spürbar und aktiv gefördert zu werden. Wer Aufgaben nur an sie delegiert, verliert sie sehr schnell.“

Nachwuchskräfte, die derzeit ein Praktikum absolvieren, erwarten kommunikationsstarke Führungskräfte. In der Praxis erleben sie aber oft das Gegenteil. Das ist ein Ergebnis aus den ‚Future Talents Reports‘. Für die deutschlandweite Praktikantenstudie befragt die Unternehmensberatung Clevis Consult jährlich Praktikanten und Werkstudenten. Im Rahmen der Erhebung werden zudem die besten Arbeitgeber und Branchen für junge Beschäftigte gekürt.

„Ob junge Talente zufrieden mit ihrem Praktikum sind, hängt in erster Linie mit der Anleitung ihres Arbeitsverhältnisses zusammen. Unsere Studie zeigt: Nachwuchskräfte, die zufrieden mit ihrer Führungskraft sind, können sich eine erneute Bewerbung beim jeweiligen Unternehmen vorstellen. Im Umkehrschluss ist der Anteil derjenigen, die sich nicht noch einmal bei einem Arbeitgeber bewerben würden, größer, wenn zuvor schwache Führungsarbeit geleistet wurde“, erklärt Kristina Bierer, Future-Talents-Expertin und Studienleiterin bei der Clevis GmbH in München.

Zu den Defiziten auf Arbeitgeberseite: 79 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen in ihrem Praktikum vor allem die Kommunikation mit ihren Führungskräften wichtig ist. Weitere 40 Prozent wünschen sich regelmäßiges Feedback. Im Arbeitsalltag ist das Kommunikations-Verhalten auf Seiten der Arbeitgeber allerdings ausbaufähig. So erhalten 77 Prozent der Nachwuchskräfte derzeit kein Coaching während ihres Arbeitsverhältnisses. Zwar überwiegt insgesamt die Zufriedenheit bei den jungen Talenten – neun von zehn Studien-Teilnehmern würden sich noch einmal beim jeweiligen Arbeitgeber bewerben – aber in der Kommunikation durch ihre Führungskräfte haben viele Arbeitgeber offenbar Nachholbedarf. So bekommen 39 Prozent der Praktikanten kein Abschluss-Feedback und 54 Prozent vermissen eine Einführungs-Veranstaltung.

Darüber hinaus sollte es aus Sicht der jungen Arbeitnehmer-Generation mehr Weiterbildungs-Angebote während der Berufsorientierungs-Phase geben (-> folgender Artikel über die Digitale Transformation). 54 Prozent gehen diesbezüglich leer aus. Auch andere Zusatzleistungen, von denen reguläre Mitarbeiter profitieren, bleiben Praktikanten oder Werkstudenten verschlossen. 67 Prozent wird keine Essens-Zulage angeboten, 91 Prozent müssen auf Bonus-Zahlungen verzichten und 54 Prozent können keine Freizeit-Angebote nutzen.

Weiterhin wird der Generation Y sowie der aktuell auf den Arbeitsmarkt strebenden Generation Z oft nachgesagt, flache Hierarchien zu bevorzugen, um so schon zu Beginn ihres Berufslebens Verantwortung für Projekte übernehmen zu können. Für das Praktikum gilt dieses jedoch nur bedingt. Etwa 41 Prozent der Studien-Teilnehmer stufen derartige Strukturen als eher unwichtig ein, da die Einbindung in konkrete Projekte ohnehin gegeben sei. 44 Prozent leisten sogar schon regelmäßig Überstunden.

„Future Talents ist es extrem wichtig, bereits zu Beginn ihres Berufslebens spürbar und aktiv gefördert zu werden. Wer Aufgaben nur an sie delegiert, verliert sie sehr schnell. Wer ihnen dagegen Verantwortung überträgt und dadurch Selbstständigkeit einfordert und eben auch fördert, wird honoriert. Inhaltliche Schulungen und methodische Weiterbildungen können dann helfen, die jungen Talente zu binden“, lautet die Einschätzung von Bierer.

Zur positiven Entwicklung: 89 Prozent aller Praktikanten in Deutschland würden sich erneut bei ihrem Arbeitgeber bewerben. Sie loben die Arbeitsqualität der Unternehmen auf einer Bewertungsskala von eins bis fünf im Schnitt mit einer 4,1. Somit ist die einstige „Generation Praktikum“ passé. Stattdessen setzen zahlreiche Arbeitgeber alles daran, die zukünftigen Talente frühzeitig von sich zu überzeugen, um sie im besten Fall später einstellen zu können.

Im Zuge der offiziellen Studienvorstellung wurden in Berlin die attraktivsten Arbeitgeber für Nachwuchstalente ausgezeichnet. Demnach erreichte das Technologie-Unternehmen Texas Instruments den ersten Platz in der Kategorie Arbeitsqualität, gefolgt von Miele und Dräger (-> Grafik 3). Das beste Markenimage für Praktikanten weisen hingegen die Dax-30-Unternehmen BMW, Bosch und Daimler auf. Außerdem interessant: Die Berufsfelder mit der höchsten Arbeitsqualität für die Fach- und Führungskräfte von morgen sind die Elektro- und Feinmechanik-Branche sowie die Chemie-Industrie. Mit anderen Worten: Die ITK-Branche, in der weit mehr als 150.000 Fachkräfte fehlen, sollte alles daransetzen, ihr Profil bei dieser Thematik zu schärfen.

Praktikanten und Werkstudenten fühlen sich besonders in Unternehmen wohl, die über ein hohes Umwelt- und Sozialbewusstsein verfügen. In umweltbewussten Firmen sind 93 Prozent mit ihrem Arbeitsverhältnis zufrieden. Bei gegenteiliger Ausrichtung liegt die Zufriedenheits-Quote lediglich bei 48 Prozent. Einen weiteren wichtigen Aspekt nimmt die Work-Life-Balance ein. Auch die Innovationsfähigkeit des potenziellen Arbeitgebers, ein hoher Grad an Autonomie in der täglichen Arbeit, die Aussicht auf eine erfolgreiche Karriere sowie eine agile Arbeitsweise besitzen Priorität bei den jungen Generationen.

„Während etablierte Wirtschaftsunternehmen oft traditionelle Talent-Tugenden und lineare Karrierepfade favorisieren, brauchen die für das Land so nötigen Transformations- und Innovations-Unternehmen talentierte Querdenker, die unkonventionelle, auch bunte Karrierewege ausprobieren. Der Future Talents Report zeigt: Unternehmen, die selbstsouveräne und agile Arbeit ermöglichen, gewinnen genau die Talente, die dann Treiber für den geschäftlichen Erfolg werden“, resümiert Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalchef der Deutschen Telekom AG sowie der Continental AG.

 

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