Berufliche Weiterbildung

Digitalisierung gefährdet Arbeitsplätze

Ausgabe-Nr.: 8/2019

Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall: „Wenn sich die Unternehmen weiterhin so defensiv verhalten, spielen sie Roulette mit der Zukunft der Beschäftigten.“

Digitale Fachkräfte werden an allen Ecken und Enden in Deutschland benötigt. Aktuelle Studien zeigen allerdings auf, dass die Lernbereitschaft bei einem Teil der Arbeitnehmer äußerst gering ist. Auch die Arbeitgeber tragen zum Missstand bei, indem sie nicht genug in die Fortbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Folglich schweben Begriffe wie ‚Künstliche Intelligenz (KI)‘ und ‚Industrie 4.0‘ wie ein Damokles-Schwert über den Häuptern der Beschäftigten und Unternehmer.

„Knapp die Hälfte der Betriebe haben keine oder keine ausreichende Strategie zur Bewältigung der Transformation. Betriebe und Beschäftigte müssen sich auf neue Qualifikationen und zum Teil auch neue Geschäftsmodelle einstellen. Die dazu notwendige Fähigkeit zur Veränderung ist allerdings erst in Ansätzen bemerkbar. Wenn sich die Unternehmen weiterhin so defensiv verhalten, spielen sie Roulette mit der Zukunft der Beschäftigten“, erklärt Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall in Frankfurt, anlässlich der Vorstellung eines sogenannten Transformations-Atlas. Dieser stellt eine Bestandsaufnahme zur Digitalisierung auf der Basis von Daten aus knapp 2.000 Betrieben mit rund 1,7 Millionen Beschäftigten dar. Aus den Angaben der Betriebsräte und Vertrauensleute soll sich ebenfalls ein Bild von der Personalentwicklung ergeben.

Gemäß der Erhebung wird vor allem die Arbeit in der Fertigung und Montage, in der Verwaltung und Logistik sowie in der technischen Kunden-Betreuung massiv von der Digitalisierung betroffen sein. Die dortigen Arbeitsplätze sollen große Anteile an Tätigkeiten enthalten, deren Profil sich verändern wird oder die teilweise entfallen könnten. Über 57 Prozent der Mitarbeiter in den beteiligten Betrieben üben Tätigkeiten mit einem hohen Potential für eine Substituierung aus. „Die Betriebe stehen erst am Beginn der Transformation, doch schon jetzt ist abzusehen, dass es mittelfristig zu einem Beschäftigungs-Abbau kommen wird, der sich nach Regionen und Branchen unterscheidet. Die höchsten Rückgänge erwarten wir in Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten“, sagt Rudolf Luz, Bereichsleiter Betriebspolitik beim Vorstand der IG Metall.

Demnach darf sich die berufliche Weiterbildung nicht mehr auf Führungskräfte beschränken, sondern muss auf alle Gruppen der Belegschaften ausgedehnt werden. Immerhin gibt es Bedarf genug: Laut dem Münchner Ifo-Institut und der Karriere-Plattform LinkedIn verfügen lediglich 48 Prozent der Industrie-Beschäftigten, die bei LinkedIn gelistet sind, über digitale Kompetenzen.

Die Ursachen dafür sind schnell gefunden. Einerseits investieren die Unternehmen zu wenig Geld in die Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter. In unserer Stellen@Markt-Ausgabe Nr. 3/2019 war diese Zurückhaltung bereits Gegenstand der Berichterstattung. Nur 22 Prozent der Unternehmen besitzen ein festes Budget für die Qualifizierung im Bereich ‚digitale Kompetenzen‘. 75 Prozent stellen hingegen keine Mittel für entsprechende Fortbildungen bereit.

Andererseits fehlt es in der Arbeitnehmerschaft zu einem großen Teil an der Erkenntnis, dass man mit den Herausforderungen einer sich verändernden Berufswelt überfordert sein könnte. Eine repräsentative Erhebung des Video-Recruiting-Anbieters viaso in Berlin zeigt in diesem Zusammenhang, dass sich 84 Prozent der Befragten sicher sind, dass sie auch in einer digitalen Arbeitswelt ein wertvoller Mitarbeiter für ihren Arbeitgeber sind, und dass sie sich im Hinblick auf die eigenen digitalen Kompetenzen als gut gerüstet betrachten. – Ob die Erwartungen auch erfüllt werden oder ob sich nicht ein großer Teil in absehbarer Zeit auf der Straße wiederfindet, muss sich erst noch erweisen.

Wenn die Ursachen für die mangelnde Bereitschaft, in die Bildung der Mitarbeiter zu investieren, nicht beseitigt werden, dann werden die Konsequenzen für die Gesellschaft und Wirtschaft fatal sein. Schon jetzt werden Industrie-Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt. Zukunftsforscher von Oxford Economics prognostizieren, dass sich die Zahl in der nächsten Dekade auf global 20 Millionen Jobs summiert. Gegenwärtig übernimmt angeblich jeder neue Roboter den Job von 1,6 Arbeitern. In Deutschland sollen Industriejobs besonders in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen durch die Digitalisierung bedroht sein (-> Grafik 1).

Die Lösung der Problematik erfordert im Grunde genommen bei den Entscheidungsträgern ein radikales Umdenken. „Wir brauchen eine neue Weiterbildungskultur“, fordert Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Berlin.

Möglich daher, dass sich die Unternehmen in Zukunft noch mit ganz anderen Anforderungen der Gewerkschaft auseinandersetzen müssen. Die IG Metall verlangt mehr Mitbestimmungs-Rechte bei der betrieblichen Weiterbildung sowie ein ‚Transformations-Kurzarbeitergeld‘. Wenn durch den Strukturwandel Arbeitsvolumen wegbricht, können die Beschäftigten mit diesem im Betrieb gehalten und zugleich für die Arbeit an neuen Produkten geschult werden. „Wir brauchen das Transformations-Kurzarbeitergeld als Beschäftigungsbrücke, wenn Entlassungen vermieden werden sollen“, sagt Hofmann und meint, dass es weiterhin politischer Strategien und Gesetze wie der im Juni vom Bund vorgelegten ‚Nationalen Weiterbildungsstrategie‘ bedarf.

 

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