Arbeitswelt/Corona

Meeting-Kultur steht zur Debatte

Ausgabe-Nr.: 9/2020

Thomas Faltin, Experte für Organisations-Design und -Entwicklung bei Korn Ferry: „Die letzten Monate haben dazu geführt, dass wir alle die Art und Weise von Zusammenarbeit neu erlernen mussten. Gleichzeitig wurden damit die Schwächen der Vergangenheit schonungslos aufgedeckt.“

Die in den letzten Monaten für viele Menschen erzwungene Arbeit im Home-Office wird den Arbeitsalltag auch nach der Wiedereröffnung der Büros nachhaltig verändern. In einer Befragung durch die Organisations- und Personalberatung Korn Ferry gehen 92 Prozent der Teilnehmer davon aus, dass es künftig weniger persönliche Meetings geben wird. 39 Prozent glauben, auf diese Weise deutlich produktiver arbeiten zu können.

„Die letzten Monate haben dazu geführt, dass wir alle die Art und Weise von Zusammenarbeit neu erlernen mussten. Gleichzeitig wurden damit die Schwächen der Vergangenheit schonungslos aufgedeckt: viel zu häufig eine Priorisierung von unproduktiver Zeit, die von der eigentlichen Erreichung relevanter Ziele abhielt. Im Home-Office erstmals ganz auf seine eigentlichen Aufgaben zurückgeworfen, ist dies manchem spürbar klar geworden“, sagt Thomas Faltin, Experte für Organisations-Design und -Entwicklung bei der Korn Ferry International GmbH in Frankfurt.

Insgesamt gehen 908 von den 1.044 befragten Arbeitnehmern davon aus, dass ihre persönliche Produktivität aufgrund weniger Meetings steigen wird. 407 prognostizieren sogar eine deutliche Zunahme. Laut Faltin muss diese Aussage differenziert betrachtet werden. Seiner Ansicht nach sind Meetings nach wie vor unabdingbar. Aufgrund der neuen Situation, diese virtuell durchführen zu müssen, sind nur die Regeln für Ergebnis-orientierte Meetings noch viel wichtiger geworden. Demnach müssen sie klar strukturiert und gut vorbereitet werden sowie allen Teilnehmern eine relevante Rolle vermitteln. Diese Kriterien gilt es nun auf Besprechungen mit physischer Präsenz zu übertragen, um bei wirklich bedeutsamen Entscheidungen voranzukommen.

Unabhängig von etwaigen Ablenkungen schätzen 64 Prozent der Befragten ihre Produktivität im Home-Office höher ein als im Büro. Ein Fünftel sieht keine Vorteile mehr darin, künftig wieder im Büro zu arbeiten. Allerdings gibt rund die Hälfte an, dass es für sie wichtig ist, ihre Kollegen persönlich wiederzusehen.

Eine bedeutende Minderheit von 36 Prozent ist dagegen im Büro deutlich produktiver. Das kann nach Angaben der Talent-Management-Beratung verschiedene Gründe haben. Wer zu Hause beispielsweise nicht über das ausreichende technische Equipment verfügt oder dort tätig ist, wo die Anbindung an die Netzwerke der Unternehmen nicht optimal erfolgt, wird ebenfalls einer Rückkehr ins Büro entgegensehen. Daher sollten Arbeitgeber das ­Home-Office als festen Arbeitsort in die Strukturen und Abläufe integrieren, auf die individuelle Situation ihrer Mitarbeiter eingehen und eine Lösung suchen, die für beide Seiten einen Gewinn darstellt.

Danach gefragt, wie sehr man dem eigenen Arbeitgeber bei einer Wiedereröffnung der Büros vertraut, künftig mit hohen Gesundheits- und Hygiene-Standards zu arbeiten, stellen die Umfrage-Teilnehmer ihren Unternehmen gute Noten aus. So zeigen sich 40 Prozent zuversichtlich, fortan in einer gesundheitlich sicheren Umgebung zu arbeiten. Richtig wohl fühlt sich bei der Rückkehr jedoch nur die Hälfte. Die anderen 50 Prozent besitzen weiterhin Bedenken, sich mit dem neuartigen Corona-Virus infizieren zu können.

„Als Berater sehe ich, dass neue Gesundheits- und Hygienemaßnahmen in den Unternehmen sehr umfassend sind. Sie alle nehmen die Bedrohung, die nach wie vor nicht verschwunden ist, sehr ernst und arbeiten daran, die Risiken für ihre Mitarbeiter auf ein Minimum zu reduzieren. Gerade auch hinsichtlich der neuen Wertschätzung des Home-Office sollten Arbeitgeber aber überlegen, wen sie wirklich verpflichten wollen, bereits jetzt wieder im Büro zu erscheinen, oder wem sie weiter freistellen, Pflichten und Aufgaben von zu Hause aus zu erledigen“, ergänzt Faltin.

 

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