Umfragen/Unternehmens-Bewertungen

Geschmierte unter den Gesalbten

Ausgabe-Nr.: 32/2020

„Für mich ist es heute noch immer unglaublich, wie dämlich man sein muss, um sich auf einen solchen Deal einzulassen“, berichtet uns ein Dienstleister aus dem PR-Bereich über einige merkwürdige Gegebenheiten aus dem MFP- und Drucker-Segment. Sie liegen bereits sehr viele Jahre zurück. Aber sie sind noch immer bei vielen Beteiligten im Gedächtnis fest verankert und werden möglicherweise auch heute noch praktiziert.

Gemeint sind unter anderem die Umfragen eines in der Branche bekannten Verlages, der gerne seine journalistisch unabhängige Position gegenüber den Herstellern propagiert und mit einschlägigen Untersuchungen und Bewertungen von MFP-/Drucker-Herstellern (und auch Büromöbel-Anbietern) in jährlicher Abfolge angebliche ‚Sieger‘ in seine Berichterstattung rückt und ausgiebig würdigt.

Beispiel Ricoh in Frankfurt. Damals war die Fusion mit NRG Deutschland in Hannover noch nicht vollzogen. Der seinerzeit zuständige Ricoh-Vertriebsleiter verhandelte mit der Fachpresse für das Unternehmens-Ranking eine spezifische Ricoh-Vereinbarung aus. Konkret: Über die Gebietsverkaufsleiter (GVL) wurden bei den Besuchen der Fachhändler die Abfragebogen gemeinsam ausgefüllt. Und so sorgten die Resultate für die ausreichenden Rückläufe und die gewünschte Positionierung.

Den angeblichen Arbeitsaufwand für den Aufbau der Befragungs-Methode sowie die Auswertung bewertete der Verlag mit einem beachtlichen fünfstelligen Betrag. Auch andere japanische Vertriebsunternehmen, das eine aus Norddeutschland und das andere aus Nordrhein-Westfalen, konnten sich dieser Versuchung nicht entziehen, ließen sich nicht lumpen und zahlten ähnliche Beträge, um auf das Podest gestellt zu werden.

Bemerkenswert erscheinen uns auch die Ergebnisse eines anderen Verlages, der am laufenden Meter alle möglichen Produkte aus dem Office-Segment testet und in den letzten zehn Jahren nicht ein einziges Urteil unter dem schlechteren Level als „sehr gut“ und „gut“ seinen Lesern zum Besten gibt. Von Investitions-Ruinen, die von den ‚Fach‘-Journalisten auf mehreren Seiten gesundgebetet werden, erst gar nicht zu reden.

Erwähnenswert ist auch ein ‚Fach‘-Magazin aus Berlin, das den Anwendern bei ihrer Entscheidungsfindung für Bürostühle mit entsprechenden Test-Urteilen zur Hilfe eilte. Der angesprochene und geneigte Büromöbel-Hersteller konnte dort mit der Höhe seines Werbekosten-Beitrages neben der Anzeigen-Platzierung zugleich auch die favorisierte Position buchen. Dieses Business-Modell erwies sich jedoch als so unglaubwürdig, dass es inzwischen wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen ist.

Interessant auch der Fall eines bekannten internationalen Marktforschungs-Unternehmens, das insbesondere bei japanischen und amerikanischen Herstellern sehr beliebt ist und nach wie vor in Anspruch genommen wird. Es geht um die Abfrage von Absatzzahlen der einzelnen Anbieter, die nach einer hausspezifischen Methode zu Marktanteilen zusammengerechnet und dann für teures Geld mit bis zu 6-stelligen Summen an die gleiche Klientel weiterverkauft werden.

Diese Ermittlungen erfolgen nach unseren Recherchen gemeinhin nach der Methode „Hand aufs Herz“ und wurden (werden) zudem mit dem Koeffizienten „Potenzieller Auftraggeber“ korreliert. – Nicht immer zur Freude der Abnehmer derartiger Markt-Recherchen.

Zumindest nicht bei denjenigen Herstellern, die die fragwürdigen Ergebnisse auch noch als Planzahlen in ihre Produktion eingeben und dann oft genug am Jahresende auf erheblichen Lagerbeständen sitzen bleiben. Oder deren Geschäft zusammen mit dem ihrer Vertriebspartner durch massive Lieferengpässe verhagelt wird.

 

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