Appell an die politische Führung

Ausgabe-Nr.: 12/2020

Der nachstehende Aufruf wurde von Medizinern, Unternehmern und Geschäftsführern in Düsseldorf initiiert. Er lautet:

Wir haben diese Initiative ergriffen, da wir sowohl um die Gesundheit unserer Mitbürger als auch um unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Fundament zutiefst besorgt sind. Aus diesem Grunde richten wir diesen Appell an die politische Führung unseres Landes mit drei primären Forderungen:

  1. Bildung eines ständigen, fachübergreifenden Expertenrats

Das Erkenntnis- und Meinungsspektrum namhafter Wissenschaftler aus allen relevanten Bereichen (Medizin/Epidemiologie/Wirtschaft/Soziologie/Ethik) muss hier abgebildet werden. Nur so können wir zu einer abgestimmten, konsistenten Meinungsbildung kommen, die dazu beiträgt, richtungsweisende und verbindliche Empfehlungen aufzustellen.

  1. Fortlaufende, sachliche und konsistente Information und Updates zu den relevanten Fragestellungen

Diese müssen eine bestmögliche Einschätzung jenseits der „nackten“ Zahlen und Fakten liefern, um die notwendige, glaubhafte Basis aller weiteren Maßnahmen darzustellen. Zudem fordern wir die Einrichtung eines offiziellen Kommunikations-Kanals, der auch in der föderalen Struktur funktioniert.

  1. Ankündigung eines Fahrplans bis Ostern für die schrittweise Rückkehr zur Normalität

Wir brauchen bis Ostern klare Aussagen, in welchem Umfang und unter welchen Bedingungen der wirtschaftliche/gesellschaftliche Shutdown sukzessive ab dem 20. April 2020 wieder aufgehoben werden kann. Dieser Zeitplan muss natürlich zu den definierten Milestones überprüft und ggf. entsprechend den vorher definierten Kriterien angepasst werden. Düsseldorf, den 30. März 2020

Prof. Dr. D. Baumgart
Friedrich Behle
Jörg Bratke von Bergen
Dr. Manfred Claus
Thomas Deilmann
Thomas Dold
Dr. Stefan Fischhuber
Hans-Jürgen Freiter
Michael Hallen
Dr. Michael Hammer
Jörg Heilingbrunner
Christian Jerusalem
Stefan Langkamp
Burkhard Leinen
Joachim Linnemann
Jan Meding
Dr. Georg Moshövel
Jürgen Otto
Dr. Ulrich Piepel
Jörg Penner
Josef Rentmeister
Frank Rittmann
Dirk Schäfer
Edgar Schnorpfeil
Dr. Jürgen Schröder
Rolf Sigmund
Gustav Sponer
Peter Thunnissen
Paul Vetter
Dr. Gerrit Wenz
Werner Wimmer
Arndt Vierhaus
Marcus Zimmermann

Hintergrundinformation:

Das neuartige Corona-Virus SARS-Cov-2 ist eine schwere Bedrohung nicht nur der Gesundheit, sondern auch der Wirtschaft und Gesellschaft. Aufgrund begrenzter Testkapazitäten und einer hohen Dunkelziffer der Infizierten sind präzise Zahlen zur Ausbreitung derzeit weder zu ermitteln noch verlässlich hochzurechnen.

Krankenhäuser und Arztpraxen sind in ihrer Ausstattung und Kapazität (Personal und Infrastruktur) kaum auf die zu erwartenden Fallzahlen der vom Virus ausgelösten Krankheit Covid-19 ausgelegt. Trotz intensiver, international vernetzter Forschung werden Impfstoffe und wirksame Medikamente nach Einschätzung der Experten frühestens gegen Ende des Jahres verfügbar sein.

Die Maßnahmen, mit denen die Ausbreitung von Covid-19 verlangsamt werden soll, verursachen erhebliche Kollateralschäden. Eine starke wirtschaftliche Rezession ist nach allgemeiner Einschätzung unvermeidlich; wie stark sie ausfallen wird, ist allerdings noch umstritten. Dies hängt insbesondere von der Dauer der gegenwärtigen Einschränkungen und dem Tempo der Erholung danach ab.

Jede/r einzelne Bürger/in sollte jetzt ohne Panik, besonnen und mit Wissen um die Fakten, alle sinnvollen Maßnahmen mittragen und wo immer möglich, auf freiwilliger Basis mehr tun, als die verordneten Regeln einzuhalten. Umsicht, Achtung und Geduld sind vor allem gegenüber den besonders gefährdeten Mitmenschen geboten. Oft kommt im persönlichen Diskurs und in den Medien hauptsächlich zur Sprache, was momentan alles nicht geht – möglicherweise wäre es hilfreich, auch sehr bewusst zu erleben, was alles trotzdem (vielleicht sogar besser) geht.

Die Wirtschaft – vom Freiberufler über kleine/mittlere Unternehmen bis hin zu Großkonzernen – kann und sollte, soweit es aus eigener Kraft und mit den verfügbaren staatlichen Hilfen möglich ist, auch im Shutdown die Wertschöpfung zum Beispiel mit kreativen Lösungen wie Online-Angebot, Lieferservice oder Online-Beratung bestmöglich aufrechterhalten, kreative Lösungen suchen, die eigenen Strategien anpassen und rechtzeitig eine reibungsarme Rückkehr zur größtmöglichen Normalität vorbereiten.

In erster Linie ist jedoch die politische Führung gefordert. Die bisherige Entwicklung mag einen ‚Flug auf Sicht‘ legitimiert haben; jetzt jedoch erwartet die Bevölkerung und nicht zuletzt die Wirtschaft klare Signale, wie es jenseits des Wochenhorizonts weitergehen soll. Es geht nicht darum, alle Einschränkungen schnell aufzuheben, sondern zeitnah den Weg aufzuzeigen, wie die Gesundheit der Bevölkerung UND die Gesundheit von Wirtschaft und Gesellschaft gesichert werden kann.

 

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