Ricoh Deutschland

Die Lage spitzt sich zu

Ausgabe-Nr.: 02/2017

Ricoh-CEO Niculae Cantuniar: Er ist mit seinem Versuch gescheitert, Ricoh Deutschland ohne einen strukturellen Umbau zurück auf die Erfolgsspur zu setzen.

Das Unternehmen steht vor einem massiven Stellenabbau. Ob der personelle Kahlschlag die wirtschaftliche Kehrtwende einleitet, bleibt abzuwarten. CEO Niculae Cantuniar hat die Axt an die kulturellen Wurzeln der Firma und die Jobs von rund 500 Mitarbeitern gelegt, ohne die Verantwortung des Managements auch nur mit einem Wort zu erwähnen. – Ein schwacher Trost für die Betroffenen in der Belegschaft: Angesichts der desolaten Situation dürfte sein baldiger Abgang bevorstehen.

 

„Wir nehmen unsere unternehmerische Verantwortung sowohl hinsichtlich unserer Belegschaft, einer transparenten Kommunikation der Planungen sowie der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sehr ernst“, erklärt Niculae Cantuniar, CEO von Ricoh Deutschland anlässlich der angekündigten Entlassung von Mitarbeitern. Ob seine Kommunikation transparent und seine Planungen zukunftsfähig sind, darüber gehen die Meinungen bei Ricoh Deutschland weit auseinander.

Den ersten Teil seines Plans kündigte der CEO im November 2016 im Kongresszentrum von Hannover an. Dort konfrontierte der Deutschland-Chef sein Auditorium mit der Streichung des Weihnachtsgeldes. Nun zündet er die zweite Stufe seiner Spar-Rakete. „Von der vorgeschlagenen Re­strukturierung, die schrittweise bis zum Ende des Geschäftsjahres 2017/2018 (31. März) umgesetzt werden soll, sind 484 Vollzeitstellen betroffen“, teilt er in der jüngsten Firmenmitteilung mit.

Joachim Grabowski, der Vorsitzende des 31-köpfigen Gesamtbetriebsrats, kann derzeit noch keine Einzelheiten nennen. „Ob der Stellenabbau so erfolgen wird, wie von der Unternehmensleitung angekündigt, müssen wir sehen“, sagt er. Nach entschlossenem Widerstand klingt das nicht. Ob der Betriebsrat die Pläne des Managements akzeptiert? Oder ob er eigene Krisen-Konzepte erarbeitet hat? Grabowskis Antwort: „Wir versuchen das Beste für die Belegschaft herauszuholen.“

Cantuniars Plan: Jeder sechste Mitarbeiter soll gehen

Doch schon der grobe Plan der Unternehmensleitung lässt erkennen, wie massiv der Handlungsbedarf bei Ricoh ist. 484 Vollzeitstellen bedeutet, dass mindestens jeder sechste der rund 3.000 Mitarbeiter gehen soll. Vielleicht sogar mehr. Schließlich sind nicht alle Mitarbeiter in Vollzeit beschäftigt. Am Ende könnte die Zahl der betroffenen Mitarbeiter bei eben jenen 600 landen, die Ricoh einsparen müsste, um auf den Pro-Kopf-Umsatz des Konkurrenten Konica Minolta Deutschland zu kommen. Gemessen an den Erlösen stehen zu viele auf der Payroll. Zuletzt lag der Pro-Kopf-Umsatz bei rund 190.000 Euro. Konica Minolta erwirtschaftet im Durchschnitt rund 60.000 Euro mehr.

In einigen Bereichen dürfte die Quote wesentlich höher liegen. Im Unternehmen geht man davon aus, dass die Streichungen nicht so sehr in den kundennahen Bereichen Vertrieb (ca. 400 Mitarbeiter) und Service (ca. 1.000 Mitarbeiter), sondern vor allem in der Verwaltung (ca. 1.600 Mitarbeiter) erfolgen. Demnach könnte hier jede dritte Stelle zur Disposition stehen.

Entscheidend für den Verbleib im Unternehmen könnte für die Beschäftigten am Ende aber weniger die aktuelle Position als vielmehr die individuelle Bereitschaft sein, sich zu verändern – inklusive Verzicht auf Einkommen. Mitarbeiter berichten, dass die Unternehmensleitung nicht nur Stellenstreichungen, sondern auch Lohnkürzungen als Sparmaßnahme ins Spiel bringen will. Zwar kann sie laufende Verträge gegen den Willen der Arbeitnehmer nicht kündigen. „Vielleicht aber beabsichtigt sie ja, den Abschluss von Änderungsverträgen als Option all denjenigen anzubieten, die auf jeden Fall bleiben wollen“, gibt ein Beobachter zu denken.

Trotz der angekündigten Entlassungswelle bleibt es dabei, neue Mitarbeiter anzuheuern. Im Herbst 2016 kündigte Cantuniar an, im Direktvertrieb flächendeckend 175 Junior Account Manager (JAM) einzustellen. Tatsache ist: Ricoh hat die zahlreichen Stellenanzeigen für die JAMs bislang nicht von der eigenen Homepage gelöscht.

Wie auch immer: Die Mitarbeiter müssen die Zeche für das Missmanagement zahlen. Denn der Deutschland-Chef, seit 17 Monaten im Amt, ist mit seinem Versuch gescheitert, das Unternehmen ohne einen strukturellen Umbau zurück auf die Erfolgsspur zu setzen. Bereits vor seinem Amtsantritt hatte das Unternehmen die Zahl der Stellen um rund zehn Prozent auf etwa 3.000 reduziert. „Eine weitere Reduzierung ist derzeit nicht geplant“, betonte er vor einem Jahr. „Und ich glaube, dass wir die Verkaufszahlen so nach oben treiben können, dass das auch nicht mehr notwendig wird.“ In den kommenden Jahren wollte er den Jahresumsatz des Unternehmens von rund 600 Millionen Euro auf eine Milliarde Euro erhöhen. Diese Aussage entpuppt sich nun als unhaltbar.

Damit nicht genug: Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass sich auch andere Ankündigungen als Makulatur erweisen. So wollte Cantuniar den Umsatz mit dem Fachhandel auf jährlich 200 Millionen Euro verdoppeln, obwohl er sich zuletzt wie ein Elefant im Porzel­lanladen durch den Ricoh-Channel bewegte.

In Insiderkreisen wird bereits heftig darüber spekuliert, dass Cantuniar mit Beginn des neuen Geschäftsjahres am 1. April 2017 von der Londoner Europa-Zentrale von seinem Posten abberufen wird. Intern gilt er inzwischen als Dead Man Walking. So werden in den USA zum Tode verurteilte Gefangene auf ihrem letzten Gang zum elektrischen Stuhl bezeichnet.

Als neuer starker Mann in der Firmenzentrale von Hannover gilt aktuell Personalchef Ralf Waibel. Zwischen 2009 und 2014 gehörte er in dieser Funktion der Geschäftsführung von Ricoh Deutschland an. Anschließend wechselte er zu Ricoh Europe, um dort im direkten Umfeld von Europa-Chef David Mills das Personalmanagement für länderübergreifende Services zu leiten. Im November 2016 kehrte er als Feuerwehrmann überraschend an seine alte Wirkungsstätte zurück. Sein Vorgänger Uwe Gohr musste nach nur vier Monaten im Amt wieder gehen. Also eine Pleite für den CEO.

Derweil schlägt der Unmut in der Belegschaft auf dem Arbeitgeber-Bewertungsportal Kunu­nu durch: „Die fachliche und menschliche Kompetenz mancher Führungskräfte ist zu bezweifeln, da Schikane und Mobbing je nach Nasenfaktor auf der Tagesordnung steht“, heißt es dort. Oder: „Heute müssen die dafür büßen, die den Niedergang haben kommen sehen, wenn der Weg der Vergangenheit fortgesetzt würde.“

 

 

 

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