Pilotprojekt Grundeinkommen

Von der Theorie in die Praxis

Ausgabe-Nr.: 10/2020

Michael Bohmeyer, Initiator des Vereins Mein Grundeinkommen: „Das Ziel, in drei Monaten eine Million Bewerbungen zu erreichen, schien fast unmöglich. Nun haben die Bewerber/-innen das in 70 Stunden geschafft. Wir sind überwältigt.“

Über eine Million Aspiranten registrierten sich binnen drei Tagen für eine Teilnahme am Pilotprojekt zum bedingungslosen Grundeinkommen. Der Andrang überraschte selbst die Forscher, die ursprünglich eine Frist von drei Monaten ansetzten, um diese Zahl an Bewerbern zu erreichen. Aufgrund des starken Zulaufs beschlossen die Verantwortlichen nun, die ursprünglich angedachten 120 Studienplätze weiter aufzustocken. Bis Mitte November können sich Interessierte noch anmelden, um für die nächsten drei Jahre einen monatlichen Festbetrag zu erhalten.

„Die Corona-Pandemie hat vielen bewusst gemacht, wie wichtig starke Sozialsysteme und eine wirklich universelle Grundsicherung für die gesamte Gesellschaft sind. Zugleich hat der Wirtschaftsboom Deutschlands der 2010er Jahre gezeigt, dass die gegenwärtigen sozialen Sicherungssysteme an ihre Grenzen stoßen. Es ist Zeit zum Hinterfragen und zum Experimentieren, um neue Lösungen für die großen Fragen unserer Zeit zu finden“, betont Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Die Studie ‚Grundeinkommen on top‘ wird über Spenden von rund 150.000 Privatpersonen finanziert. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, Mein Grundeinkommen e.V., die Universität zu Köln und das Max-Planck-Institut führen die Untersuchung durch. Sie geht der Frage nach, welche Veränderungen eine Gesellschaft durch die Auszahlung des Grundeinkommens vollzieht. Die Idee: Alle Menschen bekommen ein Leben lang monatlich Geld vom Staat, das ohne eine Gegenleistung als Existenz-sichernde Grundlage ausgezahlt wird. Eine Bedürftigkeits-Prüfung oder ein Zwang zur Erwerbstätigkeit entfällt.

Ob das Grundeinkommen im großen Stil funktioniert, kann nur durch umfassende Studien herausgefunden werden. Daher verpflichten sich die Bezieher im aktuellen Pilotprojekt über eine Laufzeit von drei Jahren an sieben Befragungen zu Themen wie Erwerbstätigkeit, Zeitverwendung, Konsumverhalten, Werte und Gesundheit teilzunehmen. Außerdem sind freiwillige Interviews geplant. „Die Ergebnisse der Studie werden uns ein differenziertes Bild über die Wirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens ermöglichen und könnten uns wichtige Hinweise für die Reform der gegenwärtigen Sozialsysteme geben“, ergänzt Fratzscher.

Am 18. August startete die Initiative mit der Absicht, eine Datengrundlage aus einer Million Bewerbungen bis zum 10. November 2020 zu erlangen. „Das Ziel in drei Monaten zu erreichen, schien fast unmöglich. Nun haben die Bewerber/-innen das in 70 Stunden geschafft. Wir sind überwältigt“, sagt Michael Bohmeyer, Initiator des Vereins Mein Grundeinkommen e.V. Gegenwärtig liegt die Bewerberzahl bei 1,95 Millionen.

Der erste Teil des Pilotprojekts sieht vor, den Teilnehmern ab kommendem Frühjahr 1.200 Euro monatlich bedingungslos auszuzahlen. Sie müssen keine Bedürftigkeit nachweisen und können unbegrenzt Geld hinzuverdienen. Das Grundeinkommen könnte andere Leistungen wie das Arbeitslosen- oder Kindergeld ersetzen und Menschen eine kontinuierliche Sicherheit bieten. Die Bewerbung zur Studien-Teilnahme ist noch bis zum 10. November 2020 möglich. Interessierte füllen dazu online einen Fragebogen aus und erhalten bis zum 17. November eine Rückmeldung.

Aus allen Bewerbern wird eine Gruppe von Menschen ausgewählt, über die sich statistisch besonders gut Aussagen treffen lassen. Diese wird mit Daten vom statistischen Bundesamt abgeglichen, um im nächsten Schritt 20.000 Personen zu definieren, die repräsentativ für die Bevölkerung in Deutschland stehen. Jene 20.000 nehmen an einer Basisbefragung teil. Im Anschluss daran werden mindestens 120 Cluster gebildet, in denen Menschen mit sehr ähnlichen Merkmalen vertreten sind. Aus jedem Cluster wird eine Person bestimmt, die das Grundeinkommen bekommt. Demnach setzt sich die Grundeinkommens-Gruppe aus mindestens 120 Personen zusammen. Je nach Höhe der eingehenden Spenden kann sich diese Zahl noch vergrößern.

Bereits zurückliegende Experimente zum Grundeinkommen zeigen, dass Bezieher keinesfalls zur Faulheit neigen. Im Gegenteil: Mein Grundeinkommen e.V. verschenkte ein Jahr lang monatlich 1.000 Euro an mehr als 650 zufällig ausgewählte Personen. Ausführliche Interviews belegten eine wachsende Bereitschaft für Veränderungen: Die Teilnehmer gründeten Firmen, bildeten sich fort, lebten gesünder und sozialer.

DIW-Senior Research Fellow Prof. Dr. Jürgen Schupp: „Diese Studie ist eine Riesenchance, um die uns seit Jahren begleitende theoretische Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen in die soziale Wirklichkeit überführen zu können.“

„Diese Studie ist eine Riesenchance, um die uns seit Jahren begleitende theoretische Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen in die soziale Wirklichkeit überführen zu können. Bisherige weltweite Experimente sind für die aktuelle Debatte in Deutschland weitgehend unbrauchbar. Mit diesem lang angelegten Pilotprojekt für Deutschland betreten wir wissenschaftliches Neuland, mit dem wir herausfinden möchten, ob die Auszahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens über einen längeren Zeitraum zu statistisch signifikanten Veränderungen im Handeln und Empfinden führt“, resümiert Prof. Dr. Jürgen Schupp, Senior Research Fellow beim DIW.

Wie dieses Experiment auch ausgehen wird: Es wird hoffentlich auch eine permanente gesellschaftliche Debatte über die zunehmend asymmetrische Vermögensverteilung beflügeln.

 

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