Slim Recruiting

Bewerben ohne Anschreiben

Ausgabe-Nr.: 6/2019

Geoffroy de Lestrange, Associate Director Product Marketing EMEA at Cornerstone OnDemand: „Motiva­tionsschreiben bremsen Bewerbungsprozesse vor allem bei Berufseinsteigern aus.“

Bisher hieß es immer: Keine Bewerbung ohne Lebenslauf und Motivationsschreiben. Geht es aber nach deutschen Konzernen wie Deutsche Bahn, Henkel oder Otto hat das Anschreiben ausgedient. Sie setzen inzwischen auf das sogenannte Slim Recruiting, also eine schriftliche Bewerbung, die nur aus Lebenslauf und Zeugnissen besteht. Ist das der neue Trend bei der Suche nach neuen Mitarbeitern?

Wo liegen die Vorteile beim Slim Recruiting? Ein Lebenslauf ist schnell verfasst und verschickt. Ein zusätzliches Anschreiben braucht schon etwas Zeit. Deshalb dauern auch Bewerbungsverfahren länger. Den Kandidaten fehlt oft das Wissen, um ein solches Schreiben ansprechend zu verfassen. Ganz besonders betroffen sind Erstbewerber wie Schüler oder Lehrlinge, die oft noch nie zuvor ein Anschreiben erstellen mussten.

So sieht es auch Geoffroy de Lestrange, Personalberater bei der Cornerstone OnDemand aus München. „Motivationsschreiben bremsen Bewerbungsprozesse vor allem bei Berufseinsteigern aus. Ohnehin greifen sie oft auf langweilige Standardformulierungen aus dem Netz zurück, was bei allen Beteiligten zu Frust führt“, so seine Einschätzung. Für ihn sind neue Ideen gefragt. Er verweist auf die Erfahrungen bei der Deutschen Bahn: Dort stiegen mit dem Slim Recruiting die Bewerberzahlen um zehn Prozent.

Und die Nachteile? Das Schreiben gibt wichtige Meta-Informationen über den Kandidaten preis, wie zum Beispiel den persönlichen Schreibstil. Es fungiert als eine Art Visitenkarte und vermittelt einen ersten Eindruck. Den Vorwurf, dass die meisten Anschreiben aus den gleichen Floskeln bestehen, kann man zu seinem Vorteil nutzen, indem man einen persönlichen Stil einfließen lässt und sich dadurch von den 08/15-Schreiben abhebt.

Man kann erklären, warum man sich genau bei diesem Unternehmen bewirbt. Voraussetzung ist natürlich, dass man nicht einen Text schreibt und diesen an alle Unternehmen schickt, sondern das Schreiben individuell an die jeweilige Bewerbung anpasst. Um ein Anschreiben zu verfassen, muss sich der Bewerber vorab mit dem potenziellen Arbeitgeber auseinandersetzen und dazu ein wenig recherchieren.

So aber landen auch solche Bewerber beim Gespräch, die keine Ahnung vom Unternehmen selbst haben. Personaler müssen sich durch unzählige Bewerbungsgespräche quälen, um das festzustellen. Zeugnisse und Schulnoten sind alleine oft nicht aussagekräftig genug, um zu entscheiden, wer zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird. In Bewerbung steckt das Wort „Werbung“ drin. Ohne Anschreiben verkommt die Werbung für sich selbst aber zu einer statischen Auflistung von Details.

Der Lebenslauf, die Zeugnisse und ein gut formuliertes Anschreiben – das gehörte alles bislang in eine vollständige Bewerbung. Wie sieht es jetzt in der Praxis aus? Laut den Hamburger Personalexperten „expertum“ berücksichtigen bereits 59 Prozent der Personaler in deutschen Unternehmen Bewerbungen ohne Anschreiben. Sie wollen damit den Bewerbungsprozess vereinfachen. Immerhin 44 Prozent der Jobsuchenden sollen laut einer Umfrage Schwierigkeiten bei der Formulierung eines Anschreibens haben. Somit stellt das Anschreiben für viele Fachkräfte eine Hürde dar, die eine Bewerbung erschwert.

Hinzu kommt, dass gerade in Berufen, in denen Fachkräftemangel besteht, wie Mechaniker, Techniker oder Schlosser, keine Formulierungskünste gefragt sind. Da geht es um Fähigkeiten und Berufserfahrung, die dem Lebenslauf entnommen werden können. Ob ein Kandidat persönlich zur Position passt, kann ohnehin nur in einem Gespräch herausgefunden werden.

Ein weiterer Trend ist die mobile Bewerbung. Die Jobsuche findet schon heute fast ausschließlich online statt – und zunehmend sogar mobil. Die Bewerbung wird in der Regel am heimischen Rechner gemacht, mit Online-Formularen oder mit dem eigenen E-Mail-Account verschickt. Inzwischen wird aber die mobile Bewerbung immer beliebter. So gibt es inzwischen Apps wie die „Truffls Jobbörse“, wo man sich per Klick auf eine offene Stelle bewerben kann und ganz auf ein Anschreiben verzichtet. Mobile Recruiting mit Bewerbungsvideos ist jetzt hingegen angesagt, viel innovativer und schneller.

Lebenslauf und Zeugniskopien lassen sich auch von unterwegs verschicken, ein maßgeschneidertes Anschreiben zu verfassen ist da schon schwieriger. Das wird lieber zu Hause erledigt. Bis dahin kann es aber sein, dass sich der Bewerber an die Hälfte der unterwegs gefundenen Stellenanzeigen schon gar nicht mehr erinnert.

Um das zu verhindern, fördern immer mehr Unternehmen die mobile Bewerbung. Und da hat das Anschreiben einfach keinen Platz mehr. Über ein Online-Formular kann der Lebenslauf ganz unkompliziert hochgeladen werden. Die Kontaktdaten werden danach automatisch ausgelesen. Schon ist die Bewerbung komplett – ohne Anschreiben. Zeugnisse können entweder direkt hochgeladen oder auf Anfrage nachgereicht werden.

Der Henkel-Konzern aus Düsseldorf geht dagegen einen ganz anderen Weg. Er führt im Vorfeld Telefon-Interviews als Filter, wobei Fragen gestellt werden, die ein Bild darüber vermitteln sollen, inwieweit sich Kandidaten wirklich mit dem Unternehmen auseinandergesetzt haben. Dieser Filter soll helfen, trotz Fachkräftemangel den Überhang an Bewerbungen zu reduzieren und auch die Absagen zu beschleunigen.

Neben dem Faktor Zeit geht es natürlich auch um den Wettbewerb um Auszubildende. Allein die Deutsche Bahn muss über 18.000 Stellen neu besetzen – Tendenz steigend. Denn in Zeiten des Klimawandels hat es sich die Politik zum Ziel gesetzt, die Anzahl der Bahnreisenden massiv zu steigern. De Lestrange: „Da bleibt dem Unternehmen nichts anderes übrig, als den Bewerbern entgegenzukommen und Hürden abzuschaffen.“

 

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