Ricoh

Magnete an den Füßen

Ausgabe-Nr.: 14/2017

Ricoh-CEO Yoshinori Yamashita: Wenn er die Suche nach tickenden Zeitbomben ernsthaft betreibt, müsste er bald auch in der deutschen Firmenzentrale die Konsequenzen ziehen.

Das einstige Vorzeige-Unternehmen der MFP- und Drucker-Branche bewegt sich national und international in einem hochexplosiven Minenfeld. In Deutschland will sich das Management mit der Streichung von mindestens jeder sechsten Stelle an den eigenen Haaren aus dem Krisensumpf ziehen. In Indien manövrierte sich das börsennotierte Unternehmen in eine so aussichtslose Situation, dass das japanische Headquarter diese Dependance lieber in die Pleite schickte, als weitere unkalkulierbare Risiken in Kauf zu nehmen. Und der Konzern-Chef musste eine Suche nach weiteren tickenden Zeitbomben starten. Wenn er die Nachforschungen ernsthaft betreibt, müsste er bald auch in der deutschen Firmenzentrale auftauchen und die Konsequenzen ziehen.

 

„Die vorgeschlagene Restrukturierung ist wichtig und notwendig, damit das Unternehmen in diesem sich auch weiterhin dynamisch verändernden und sehr anspruchsvollen Marktumfeld langfristig wettbewerbsfähig und erfolgreich agieren kann. Wir nehmen unsere unternehmerische Verantwortung hinsichtlich unserer Belegschaft, einer transparenten Kommunikation der Planungen sowie der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sehr ernst“, erklärte Niculae Cantuniar, CEO von Ricoh Deutschland GmbH, die angekündigte Massen­entlassung.

Den ersten Teil seines Plans kündigte der CEO im November 2016 im Kongresszentrum von Hannover an, wo sich bundesweit rund 1.000 Mitarbeiter zu einer Betriebsversammlung trafen und seine Botschaft hörten, dass das Weihnachtsgeld für 2016 gestrichen ist. Dabei erschien er allerdings nicht persönlich, sondern richtete sich per Video an seine Mitarbeiter.

Inzwischen zündete Cantuniar die zweite Stufe seiner Spar-Rakete. „Von der vorgeschlagenen Restrukturierung, die schrittweise bis zum Ende des Geschäftsjahres 2017/2018 (31. März) umgesetzt werden soll, sind 484 Vollzeitstellen betroffen“, teilt er in einer Nachricht mit.

Der grobe Plan lässt massiven Handlungsbedarf erkennen

Der grobe Plan lässt erkennen, wie massiv der Handlungsbedarf bei Ricoh ist. Er bedeutet, dass mindestens jeder sechste der rund 3.000 Mitarbeiter gehen soll. Vielleicht sogar mehr. Am Ende könnte die Zahl der betroffenen Mitarbeiter bei eben jenen 600 landen, die Ricoh einsparen müsste, um beispielsweise auf den Pro-Kopf-Umsatz des Konkurrenten Konica Minolta Deutschland zu kommen. Bei Ricoh lag der Umsatz pro Kopf mit zuletzt rund 190.000 Euro um rund 60.000 Euro unter dem des Mitbewerbers.

In einigen Bereichen dürfte die Quote sogar wesentlich höher liegen. In Unternehmenskreisen heißt es, dass die Streichungen nicht so sehr in den kundennahen Bereichen Vertrieb (ca. 400 Mitarbeiter) und Service (ca. 1.000 Beschäftigte), sondern vor allem in der Verwaltung (ca. 1.600 Angestellte) erfolgen sollen. Demnach könnte hier jede dritte Stelle zur Disposition stehen.

Entscheidend für den Verbleib im Unternehmen könnte für die Beschäftigten am Ende aber weniger die aktuelle Position als vielmehr die individuelle Bereitschaft sein, sich zu verändern – inklusive Verzicht auf Einkommen. Mitarbeiter berichten, dass die Unternehmensleitung nicht nur Stellenstreichungen, sondern auch Lohnkürzungen als Sparmaßnahme ins Spiel bringt. Zwar kann sie laufende Verträge gegen den Willen der Arbeitnehmer nicht kündigen. „Vielleicht aber beabsichtigt sie ja, den Abschluss von Änderungsverträgen als Option all denjenigen anzubieten, die auf jeden Fall bleiben wollen“, bemerkt ein Beobachter.

Wie die Entwicklung weitergeht, bleibt abzuwarten. Der Betriebsrat gilt als schwach. Einen Sozialplan hat er noch nie verhandelt, gewerkschaftlich ist er nicht organisiert. Etliche Mitarbeiter nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand und zogen vor die Arbeitsgerichte. Freiwillig werden nur die jungen und guten Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, die keine Probleme haben, anderswo einen adäquaten Job zu finden.

Ricoh Deutschland wäre nicht das erste Unternehmen, das bedingt durch Zukäufe viele Funktionen doppelt und dreifach besetzte. Auch Ricoh ist personell durch Übernahmen stark gewachsen. Allerdings liegt die letzte Übernahme (ADA) inzwischen fünf Jahre zurück. Die Branche beobachtet daher mit Spannung, ob der Kahlschlag die wirtschaftliche Kehrtwende bringt oder ob eingespielte Prozesse aus dem Ruder geraten und damit die Funktionsfähigkeit des Unternehmens zum Erliegen kommt.

Eine besondere Brisanz erhält die Lage durch den Blick auf die indische Landesgesellschaft, die Ricoh India Ltd. Ein jahrelanges Missmanagement manövrierte das börsennotierte Unternehmen offenbar in eine so aussichtslose Situation, dass das Headquarter in Japan die indische Dependance lieber in die Pleite schickte, als die unkalkulierbaren Belastungen einer künstlichen Beatmung zu riskieren.

Früheres Management versuchte Bilanzen zu schönen

Berichten in den Medien zufolge versuchte das frühere Management, die Bilanzen auf betrügerische Weise, zum Beispiel mit fingierten Umsätzen, zu schönen. 2015 fanden Wirtschaftsprüfer heraus, dass die Bilanz bereits irreparable Schäden aufwies. Das Unternehmen musste den Geschäftsbericht revidieren und rutschte damit tief in die roten Zahlen. Die Tokioer Konzern-Zentrale leitete daraufhin weitreichende Rettungsmaßnahmen ein. Allerdings ohne erkennbaren Erfolg.

Ricoh-CEO Yoshinori Yamashita will die Kontrolle der Vertriebsgesellschaften weltweit verschärfen. Zudem setzte er durch, dass die fünfköpfige Führungsspitze des Konzerns drei Monate lang auf 15 Prozent ihrer Bezüge verzichtet. Seinem Vorgänger wurde der Beratervertrag für den gleichen Zeitraum um 30 Prozent gekappt; anschließend muss er das Unternehmen verlassen.

Sechs-Punkte-Plan soll Pleiten in anderen Ländern verhindern

Überdies verkündete Yamashita nach der Indien-Pleite einen Sechs-Punkte-Plan, der eine Wiederholung in anderen Ländern verhindern soll. Der Plan sieht unter anderem vor, die Kontrolle der einzelnen Landesgesellschaften zu verschärfen und deren Führungskräfte nicht nur an ihre besondere Verantwortung in punkto Richtlinientreue und Betrugsprävention zu erinnern, sondern sie sogar darin zu schulen. Zudem soll die Buchführung weltweit standardisiert werden.

Wenn er die Suche nach tickenden Zeitbomben ernsthaft betreibt, müsste er bald auch in der deutschen Firmenzentrale die Konsequenzen ziehen. Immerhin: Die deutsche Landesgesellschaft erwirtschaftet mehr als drei Mal so viel Umsatz wie die indische und durfte, so Insider, aufgrund schwerwiegender wirtschaftlicher Probleme mit einer Verlustprognose in das laufende Geschäftsjahr starten. Unglaublich, aber wahr: Dem deutschen Statthalter rückten inzwischen die Justiz und die Gerichtsvollzieher auf den Pelz, weil er fällige Schulden gegenüber der eigenen Belegschaft nicht rechtzeitig beglich. Damit fügt Cantuniar dem Unternehmen in jedem Fall erhebliche Image­schäden zu. Ob die Strategie der internen Abschreckung zumindest kurz­fristig finanzielle Vorteile bringt, bleibt dahingestellt. Er könnte mit anhaltenden Verlusten den gesamten Konzern ins Wanken bringen. Das Beispiel Indien zeigt, wie dünn das Eis geworden ist, auf dem sich das Unternehmen inzwischen bewegt.

 

 

 

Weitere Artikel dieser Ausgabe