Recruiting / Unternehmen

Aus Fach- wird Führungskräftemangel

Ausgabe-Nr.: 11/2017

Jan Müller, Managing Director EMEA Solutions bei Futurestep bei Korn Ferry: „Es wird schwieriger, die Nachfolge-Pipeline zu füllen, da immer weniger Kandidaten nachkommen.“

In einer weltweiten Befragung von mehr als 1.100 Führungskräften im Personalwesen haben 30 Prozent angegeben, dass der größte Engpass an Talenten bei potenziellen Führungskräften bestehe. Nur 21 Prozent sind der Ansicht, dass dies bei Fachkräften mit spezifischer beruflicher Ausbildung der Fall sei. Der gleiche Anteil sieht ­einen zunehmenden Wettbewerb unterschiedlicher Branchen um die gleichen Talente als Top-Herausforderung für Personalabteilungen an.

 

 

„Insbesondere in Deutschland sind die erste und zweite Ebene mit sehr kompetenten Führungskräften besetzt, vielfach existieren für Top-Positionen auch schon Nachfolger. Schwieriger wird es gerade, diese Nachfolge-Pipeline zu füllen, da immer weniger Kandidaten nachkommen“, sagt Jan Müller, Managing Director EMEA Solutions im Geschäftsbereich Futurestep bei Korn Ferry International in Los Angeles (Bundesstaat: Kalifornien).

Das Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Rekrutierung und Recruitment-Process-Outsourcing führte jüngst eine Studie mit dem Titel ‚The Talent Forecast‘ durch. Sie legt offen, dass 27 Prozent der europäischen Personal-Chefs den Mangel an Führungstalenten zur größten Herausforderung für ihr Unternehmen erklärt haben. Laut Müller ist es daher besonders wichtig für deutsche Unternehmen, gerade die Potenziale junger Mitarbeiter aufzudecken und sie gezielt in die mittlere Führungsebene zu entwickeln sowie langfristig zu halten. Ansonsten würde in einigen Jahren nicht ausreichend Führungsnachwuchs zur Verfügung stehen.

Während es für IT-Profis früher der Ritterschlag war, bei einem führenden Software-Konzern zu arbeiten, für Betriebswirte als Investment-Banker oder Unternehmensberater und für Ingenieure in der Automobilindustrie, lässt sich eine solche Branchen-Aufteilung heute so nicht mehr treffen.

Die Unternehmen müssen immer größere Wagnisse eingehen

„Alle kämpfen um die gleichen Talente“, erläutert Müller. Dazu zählen nicht nur Data Scientists oder Cyber-Security-Spezialisten, sondern auch die besten Ingenieure, Kaufleute oder Vertriebsspezialisten. Aus diesem Grund gaben in der gleichen Studie 22 Prozent der befragten HR-Führungskräfte in Europa an, dass sie vor allem Vertriebsspezialisten mit technischem Background suchen. Diese sind die meistgefragten Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt.

Die Experten der Personal- und Organisationsberatung verweisen darauf, dass Unternehmen heute immer größere Wagnisse eingehen, um ihren Markenkern und ihre Kultur radikal zu verändern. So mutieren Unternehmensberatungen immer stärker zu Spezialisten im Bereich Digitalisierung und IT-Konzerne stellen klassische Maschinenbau-Ingenieure ein. Diese Ausprägung ist eine Entwicklung der letzten fünf Jahre, wobei es sich heute um einen Wettbewerb handelt, der immer globaler wird.

Umso wichtiger wird es, einmal eingestellte Talente auch langfristig zu halten und zu entwickeln. Zwar ist die Geschwindigkeit, in der eine Vakanz besetzt werden kann, noch immer das wichtigste Erfolgskriterium für Rekrutierer. Das sagen 63 Prozent der Befragten in Europa. Danach aber folgt die Verweildauer der Talente (51 Prozent) sowie der Erfolg der jeweiligen Kandidaten in ihrem Job nach 18 Monaten (42 Prozent).

Eine schnelle Besetzung, die genauso schnell wieder weg ist, erweist sich demnach als kontraproduktiv. HR-Chefs müssen prüfen, ob ihre Zielsysteme richtig kalibriert sind. Das Rekrutieren neuer Mitarbeiter ist ein Prozess, der durch direkte und indirekte Kosten sehr teuer werden kann. Dementsprechend muss es im Interesse der Unternehmen liegen, die aufwändig angeheuerten Mitarbeiter nachhaltig an sich zu binden. Dazu bedarf es individueller Programme und eines langfristigen Entwicklungs- und Optionskorridors, der jungen Talenten die Gelegenheit gibt, stetig Neues zu lernen und sich immer wieder neu erfinden zu dürfen.

 

 

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