Recruiting/Corona-Krise

IT-Branche entgegen dem Trend

Ausgabe-Nr.: 4/2020

Manfred Wenzel, geschäftsführender Gesellschafter der IT-Personalberatung Dr. Dienst & Wenzel: „Jetzt ist die optimale Zeit, unter reduzierten Wettbewerbs-Bedingungen die IT-Experten für das eigene Unternehmen zu gewinnen. In Anbetracht von Einstellungs-Prozessdauer und üblichen Kündigungsfristen gehört die Corona-Krise sehr wahrscheinlich der Vergangenheit an, wenn der neue Mitarbeiter seine Stelle antritt.“

Eine Blitzumfrage des ‚Institute for Competitive Recruiting (ICR)‘ unter mehr als 10.000 Unternehmen ergab, dass sowohl die Bewerber-Zahl als auch die Nachfrage seitens der Unternehmen rapide in den Keller geht. Es gibt eine herausragende Ausnahme. Die IT-Branche steht beim Rekrutieren von neuem Personal an der Spitze und will ihr Recruiting in der Krise ausbauen. Ein Tool, das Arbeitnehmern sowie Firmen unter die Arme greift, stellt die Vermittlungs-Plattform ‚ArbeiterTausch.com‘ dar, die das Verleihen von Personal erleichtert.

„Jetzt ist die optimale Zeit, unter reduzierten Wettbewerbs-Bedingungen die IT-Experten für das eigene Unternehmen zu gewinnen. In Anbetracht von Einstellungs-Prozessdauer und üblichen Kündigungsfristen gehört die Corona-Krise sehr wahrscheinlich der Vergangenheit an, wenn der neue Mitarbeiter seine Stelle antritt. Und wenn nicht? Verantwortungsbewusste Unternehmen sichern neue Mitarbeiter ein Stück weit dadurch ab, dass sie zum Beispiel auf die sonst übliche Probezeit verzichten und längere Kündigungsfristen anbieten“, empfiehlt Manfred Wenzel, geschäftsführender Gesellschafter der IT-Personalberatung Dr. Dienst & Wenzel GmbH & Co. KG in Stuttgart.

Nach Angaben des ICR in Heidelberg geht die IT-Branche aktuell beim Rekrutieren von neuem Personal voran. Immerhin 35 Prozent der IT-Unternehmen wollen ihr Recruiting in der Krise ausbauen. Generell verzeichnen 46 Prozent der befragten Arbeitgeber weniger oder sogar deutlich weniger Bewerbungen. 44 Prozent stellten keine Änderungen im Bewerbungs-Eingang fest. Sechs Prozent erhalten mehr Bewerbungs-Schreiben.

Der Trend: 56 Prozent der Betriebe gehen davon aus, dass das Recruiting in der Wirtschaft insgesamt abnehmen wird. Nur zehn Prozent der Arbeitgeber rechnen dagegen mit einem Ausbau (-> Grafik 1). Auf die Frage, wie sich das Personalwesen im eigenen Haus entwickeln wird, antworten 44 Prozent, dass es zurückgefahren wird.

In der gegenwärtigen Lage bietet sich bei der Personal-Beschaffung – genau wie bei der Einrichtung von Heim-Arbeitsplätzen (-> Stellenmarkt Nr. 3/2020) – die Chance zu einer nachhaltigen Digitalisierung. Immerhin: Zwei Drittel der Befragten – darunter Firmen fast aller Größenklassen – nehmen dieses Ziel in Angriff. In einigen Prozess-Schritten ist die Digitalisierung deutlich leichter umzusetzen (Video-Interviews) als in anderen (Onboarding). Hierfür und für externes Personal-Marketing suchen die Unternehmen verstärkt nach Virtualisierungs-Möglichkeiten.

In Zeiten von Corona sind zeitgleiche Videointerviews (per Skype, Zoom etc.) bei 56 Prozent der Personal-Abteilungen das bevorzugte Kommunikationsmittel. 25 Prozent halten nach wie vor telefonische Vorstellungs-Gespräche ab. Wenzel rät Unternehmen in der derzeitigen Lage dazu, unbedingt weiter an ihren Recruiting-Plänen festzuhalten: „Meine Empfehlung lautet, auf gar keinen Fall Bewerbungs-Prozesse mit IT-Spezialisten auf Eis zu legen oder sogar abzusagen, diese Kandidaten wenden sich sonst unmittelbar anderen Unternehmen zu. Und eines ist gewiss, der ‚Kampf‘ um die IT-Experten wird nach der Krise weiter zunehmen.“ Um der Devise des Experten folgen zu können, bedarf es sicherlich einiger finanzieller Mittel. Schließlich dürften jene für viele IT-Fachkräfte ein Totschlag-Argument für oder gegen die Annahme eines Stellenangebotes sein.

In einer aktuellen Online-Befragung von 157 Personen aus B2B-Dienstleistungs-Unternehmen durch die Marktforscher von Lünendonk & Hossenfelder erwarten 49 Prozent Umsatz­einbußen von mehr als zehn Prozent in 2020 (-> Grafik 2). Es ist daher zu erwarten, dass Absenkungen des Gehaltsniveaus eintreten werden. Insgesamt prognostizieren 89 Prozent der Teilnehmer für das laufende Geschäftsjahr Abstriche vom geplanten Jahresumsatz. Am stärksten betroffen sind Anbieter von Zeitarbeit und Personal-Dienstleistung sowie Consultants. Neben diesen Branchen wurden auch Wirtschaftsprüfer, IT-Berater sowie Facility-Management- (FM) und Instandhaltungs-Unternehmen in die Lünendonk-Analyse einbezogen.

Während die Zeitarbeits-Firmen zusätzlich zum Umsatz-Rückgang auch einen Personal-Ausfall beziehungsweise eine Personal-Reduzierung beklagen, macht den FM-Dienstleistern die temporäre Schließung von Kunden-Standorten zu schaffen. Vertreter der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung sowie der IT-Beratung stellen verstärkt auf Remote Work und Home-Office um. Bei den Managementberatern machen sich die Begrenzungen von Vor-Ort-Aktivitäten im Tagesgeschäft bemerkbar.

Zu ‚ArbeiterTausch.com‘: „Unternehmen helfen Unternehmen“ – unter diesem Motto agiert die Vermittlungs-Plattform, die sich dem Personalverleih verschrieben hat. Das jüngst vorgestellte Portal wurde von den beiden Schweizer Agenturen FE und Opten initiiert und soll Unternehmen eine Möglichkeit bieten, sofort eigenes Personal anzubieten beziehungsweise die Suchen nach Personal zu veröffentlichen. Die Applikation ist ab sofort in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich verfügbar. Es gibt keine Anforderungen bezüglich der Mindestgröße der teilnehmenden Firmen.

Interessierte können sich auf der „Partnerbörse“ gegen eine Schutzgebühr von 199 Euro präsentieren. Für Firmen, die nur vorübergehend Fachkräfte suchen, ist die Registrierung kostenfrei. Wenn es zu einem „Matchmaking“ via ArbeiterTausch.com kommt, erarbeiten die beiden Unternehmen anschließend einen Leihvertrag.

„Wir verstehen uns als eine Art moderne Partnerbörse für Unternehmen, die in einer nie da gewesenen Ausnahme-Situation wichtige gesellschaftliche Aufgaben übernehmen will, um Mitarbeiter zu halten und vor Einnahmen-Ausfällen zu bewahren. Die Corona-Pandemie ist ein Stresstest für die Wirtschaft und jedes Unternehmen. Während ein Teil des Wirtschaftslebens lahmliegt, brummt es in anderen Bereichen. Und hier wollen wir unseren Beitrag leisten, alle Akteure zusammenzubringen“, erklärt Dominic Fontijn, CEO der FE Agentur AG in Baden (Schweiz).

 

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