Kommunikation am Arbeitsplatz

Avatare als psychologische Entlastung

Ausgabe-Nr.: 12/2020

Roshni Raveendhran, Assistant Professor of Business Administration an der Darden School of Business: „Wir wissen jetzt, dass Menschen VR-Technologien einsetzen können, um sich psychologisch vor unangenehmen Situationen zu schützen.“ (Foto: Darden School of Business)

Eine Studie der Darden School of Business untersuchte, wie VR (Virtual Reality)-Technologien im Arbeitsalltag sinnvoll eingesetzt werden können. Im Fokus stand die Frage, welche Vorteile sich für Führungskräfte durch eine Kommunikation mit Mitarbeitern via Avatare ergeben können. Speziell die psychologischen Faktoren wurden hierbei genauer unter die Lupe genommen.

„Wenn Unternehmen darüber nachdenken, Telearbeit längerfristig zu verwirklichen, betrifft eine der größten Herausforderungen die fehlende soziale Verbindung, die auf dem Gefühl beruht, Teil derselben Gruppe zu sein. Daher wird es eine viel größere Nachfrage nach immersiven Technologien wie VR geben. Deshalb ist es auch wichtig, den psychologischen Mechanismus zu verstehen, der die Menschen dazu treibt, einige dieser Technologien zu übernehmen“, erklärt Roshni Raveendhran, Assistant Professor of Business Administration an der Darden School of Business in Charlottesville, Virginia, USA.

Raveendhrans Forschung konzentriert sich darauf, wie Unternehmen VR zur effektiven Kommunikation mit ihren Mitarbeitern nutzen können. Ihre neue Studie untersucht, wann und warum Führungskräfte es vorziehen könnten, mit ihren Mitarbeitern virtuell über Computer-Avatare zu interagieren, anstatt von Angesicht zu Angesicht.

Einen Anlass für den Einsatz der Technologie bietet zum Beispiel das Phänomen „Zoom-Fatigue“. Es wird durch lange Video-Interaktionen in Online-Meetings ausgelöst und beschreibt Ermüdungs-Erscheinungen durch das Betrachten menschlicher Gesichter auf dem Bildschirm. Die Chat-App ‚LoomieLive Pro‘ ermöglicht es Nutzern von Microsoft Teams, Zoom und anderen Videokonferenz-Plattformen, ihre visuellen Bilder durch cartoonähnliche 3D-Avatare zu ersetzen. Da die Interaktion mit Avataren weniger geistige Verarbeitung erfordert, verringert die Anwendung den Grad der Ermüdung.

Darüber hinaus analysierte die Forscherin, welche psychologischen Gründe Führungskräfte zu einer Interaktion über digitale Avatare bewegen können. „Wir untersuchen diese Frage im Zusammenhang mit häufiger Überwachung, da oft ein externes Bedürfnis besteht, die Menschen genau zu beobachten, selbst wenn die Organisationskultur den Mitarbeitern viel Autonomie einräumt“, sagt Raveendhran.

Die Analyse ergab, dass Führungskräfte in Situationen, die ein negatives Urteil auslösen können und in denen sie sich sozial bedroht fühlen, ihre Mitarbeiter lieber durch Avatare überwachen als von Angesicht zu Angesicht. Die Verwendung von Avataren ermöglicht ihnen eine gewisse psychologische Distanz aufgrund der geringeren sozialen Präsenz im Vergleich zu persönlichen Interaktionen. „Daher können diese neuen immersiven Technologien eine Möglichkeit bieten, virtuell präsent zu sein und gleichzeitig psychologische Sicherheit zu erzielen“, ergänzt die Expertin.

Die Studie untersuchte auch die Rolle der Persönlichkeit bei der Beeinflussung der Präferenz von Führungskräften für die Überwachung durch Avatare und konzentrierte sich dabei auf die Big-Five-Persönlichkeits-Faktoren: Extravertiertheit (Geselligkeit), Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus (Neigung zu emotionaler Labilität, Ängstlichkeit und Traurigkeit) und Offenheit für Erfahrungen.

„Wir stellten fest, dass bei der Kontrolle der anderen vier Persönlichkeits-Dimensionen nur Neurotizismus positiv mit der Präferenz der Führungskräfte für die Verwendung von Avataren zusammenhing. Diejenigen, die auf der Neurotizismus-Skala weiter oben stehen, verwenden mit größerer Wahrscheinlichkeit Avatare, weil sie dadurch Kontrolle ausüben können, ohne tatsächlich körperlich anwesend zu sein, um alle negativen Rückwirkungen, die sich daraus ergeben könnten, aufzufangen“, lautet das Fazit.

Durch die Simulation von Interaktionen können VR und andere immersive Technologien dafür sorgen, dass sich die computergestützte Kommunikation integrativer anfühlt. Wie Raveendhrans Forschung jedoch zeigt, bietet der Einsatz von VR am Arbeitsplatz auch weitere bedeutende Vorteile: „Wir wissen jetzt, dass Menschen VR-Technologien einsetzen können, um sich psychologisch vor unangenehmen Situationen zu schützen.“ Die Anwendungen in diesem Bereich werden immer professioneller (-> INFO-MARKT Nr. 34/2020) und die Bandbreite an Einsatz-Möglichkeiten steigt von Jahr zu Jahr (-> INFO-MARKT Nr. 28/2019). Die Technologie ist in immer mehr Branchen auf dem Vormarsch und wird in absehbarer Zeit zu einem prägenden Faktor werden.

 

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