Home-Office/Corona-Pandemie

Normative Kraft des Faktischen

Ausgabe-Nr.: 11/2020

Vorstands-Vorsitzender DAK-Gesundheit Andreas Storm: „Corona bringt einen Durchbruch für das Home-Office. Die positiven Erfahrungen aus der Krise sollten zum Startschuss für nachhaltige Home-Office-Konzepte werden.“

Der größte Teil der Beschäftigten in Deutschland wünscht sich einen dauerhaften Home-Office-Arbeitsplatz. Die Arbeitgeber müssen sich angesichts der Bedeutung des Trends in die eigenen vier Wände auf veränderte Arbeitsbedingungen einstellen. Ein Managementstil, der die Belegschaft auf Distanz über Remote-Anwendungen leitet, bedeutet eine Abkehr von den klassischen Methoden der Personal-Führung.

„Corona bringt einen Durchbruch für das Home-Office. Die positiven Erfahrungen aus der Krise sollten zum Startschuss für nachhaltige Home-Office-Konzepte werden“, behauptet Andreas Storm, Vorstands-Vorsitzender der DAK-Gesundheit in Hamburg. Er beruft sich dabei auf die Analyse „Digitalisierung und Homeoffice in der Corona-Krise“. Es wurden zwei repräsentative Befragungen von jeweils über 7.000 Erwerbstätigen vor und während der Pandemie durchgeführt. Die Sonderanalyse zum DAK-Gesundheitsreport ist die einzige Vorher-Nachher-Messung zu Digitalisierung und Home-Office.

Davon nahmen etwa 6.000 auch an der zweiten Erhebung im April 2020 teil. Ein Ergebnis: Vor der Pandemie nahm nur etwa jeder dritte Arbeitnehmer die zunehmende Digitalisierung bei der eigenen Arbeit als Entlastung wahr. Während der Pandemie ist es annähernd jeder Zweite. Das entspricht einem Plus von 39 Prozent. Die Gruppe derjenigen, die in der Digitalisierung eine Belastung sehen, schrumpft hingegen um 80 Prozent.

57 Prozent der Arbeitgeber weiteten in der Corona-Pandemie die Anwendungen für digitales Arbeiten aus. Während vorher rund 75 Prozent die Anwesenheit im Betrieb favori­sierten, stieg die Anzahl der Arbeitnehmer, die fast täglich im Home-Office arbeiten, von vormals zehn auf 28 Prozent. Die Ausweitung digitaler Arbeitsmethoden ist jedoch von Branche zu Branche sehr unterschiedlich. Das Kreditwesen und die Versicherungen stehen mit einem Wert von 80 Prozent an erster Stelle, gefolgt von der ITK und völlig abgeschlagen das Gesundheitswesen (-> Grafik 1)

Der Traffic über das Telefon und Video-Konferenzen erhöhte sich entsprechend der zunehmenden Akzeptanz. Ein weiterer Nebeneffekt: Es verringerte sich die Gefahr für Ansteckungen und das seelische Gleichgewicht der Arbeitnehmer verbesserte sich angeblich auch. „Die Arbeitnehmer empfinden das Home-Office als Entlastung. Und zwar in weit größerem Maße als vermutet“, folgert Storm.

Die weiteren Aussagen: Die Beschäftigten mit einer regelmäßigen Home-Office-Präsenz zeigen eine hohe Arbeits-Zufriedenheit und berichten von einer erfreulichen Work-Life-Balance bei angeblich guter Produktivität. 59 Prozent arbeiten dort nach eigenen Angaben „produktiver oder eher produktiver“ als am normalen Arbeitsplatz. 68 Prozent der Befragten schätzen vor allem den Zeitgewinn durch den Wegfall des Weges zur Arbeit.

65 Prozent meinen, dass sich die Aufgaben auch besser über den Tag verteilen lassen. Und 54 Prozent finden es in den eigenen vier Wänden angenehmer als im Betrieb. Viele Erwerbstätige können zudem durch das Home-Office Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren. Für Eltern mit Kindern unter 12 Jahren ist dieser Vorteil besonders relevant (77 Prozent).

Ähnlich wie die Arbeitszufriedenheit wird das Erleben von Stress beurteilt. Der Anteil der täglich gestressten Arbeitnehmer geht um 29 Prozent zurück. Im Dezember 2019 ist noch mehr als ein Fünftel der Befragten „meistens oder die ganze Zeit“ gestresst. Im April 2020 waren es nur noch 15 Prozent. 57 Prozent fühlten sich während der Corona-Krise zu „keinem Zeitpunkt oder nur ab und zu“ unter Druck.

Zu den kritischen Bewertungen: 75 Prozent der Befragten bemängeln, dass im Home-Office wenig direkter Kontakt zu den Kollegen besteht. 48 Prozent vermissen weiterhin die Möglichkeit, sich kurzfristig – auch mit dem Chef – zu besprechen, oder ihnen fehlt ein ausreichender Zugang zu Akten oder sonstigen Arbeitsunterlagen. Vor allem jungen Mitarbeitern fällt es schwer, eine Grenze zu ziehen. Eine klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben gelingt nur jedem Zweiten unter 30 Jahren. „Wir gewinnen in der Corona-Krise wertvolle Erkenntnisse, um gesundes Arbeiten für die digitale Zukunft neu zu definieren. Es gilt, die positiven Aspekte des Home-Office für die Zukunft fruchtbar zu machen, ohne die negativen zu übergehen“, lautet die Schlussfolgerung der DAK aus diesen Ergebnissen.*

Die Kapsch Group Beteiligungs GmbH beschäftigte sich ebenfalls mit den Auswirkungen des Home-Office auf die Arbeitswelt und legte die Ergebnisse der Studie „Arbeitsplatz der Zukunft in der digitalen Welt“ vor. Bei dem Unternehmen handelt es sich um einen global agierenden Technologie-Konzern mit Sitz in Wien, der seine Schwerpunkte auf die Digitalisierung und Mobilität legt.

Für die Untersuchung wurden repräsentativ 1.000 Arbeitnehmer/-innen von einem Marktforschungs-Institut in Deutschland interviewt. Das Resultat der Feldstudie werteten die Experten gesondert nach Geschlecht (50 Prozent Frauen/50 Prozent Männer) und Altersgruppen (20- bis 40-Jährige und 41- bis 60-Jährige) aus. Die Umfrage wurde in Österreich und in den USA ebenfalls durchgeführt.

Danach verfügen die Beschäftigten über konkrete Vorstellungen für eine neue Unternehmens-Kultur. 72 Prozent halten es für „wichtig bis sehr wichtig“, Home-Office-Mitarbeiter auf Distanz in Online-Teams zu führen. 80 Prozent wünschen sich, die Strukturen der Organisation zu flexibilisieren, indem beispielsweise Abteilungsdenken aufgehoben wird. Zudem plädieren 84 Prozent dafür, dass es mehr Freiräume für Entscheidungen gibt.

Das österreichische Unternehmen hat diese Anforderung sehr schnell realisiert: Während der Corona-Lockdown-Phase im Frühjahr dieses Jahres arbeiteten zeitweise fast alle der 6.500 Mitarbeiter in 40 Ländern vom Home-Office aus. „Technisch waren wir grundsätzlich auf ein solches Szenario vorbereitet. Als Digitalkonzern hatten wir bereits gelernt, wie Teams am besten online-vernetzt über Ländergrenzen hinweg arbeiten“, berichtet Daniel Rutter, Vizepräsident Human Resources der Kapsch Group.

Daniel Rutter, Vizepräsident Human Resources bei der Kapsch Group: „Die Gespräche sind nötig, um neue Ideen sowie eine Bindung an das Unternehmen zu entwickeln. Daher sollten auch bei hybriden Arbeitsplätzen analoge Rituale ermöglicht werden. Letztlich gilt es, das Beste aus beiden Welten miteinander zu verbinden.“

Aber die Beschäftigten auf Distanz, „remote“ zu führen, bedeutet eine Abkehr von den klassischen Methoden der Personal-Führung. Die laufende Kontrolle von physischer Anwesenheit, Arbeitszeit und -Fortschritt fällt weg. An die Stelle der Aufsicht durch die Führungskraft tritt ein Bottom-up-Ansatz, bei dem das gesamte Team sich online und für alle sichtbar auf Quartals-Ziele einigt. Die vereinbarten „Objectives“ werden für alle Teilnehmer verständlich aufbereitet und mit definierten „Key Results“ messbar gemacht. Diese Objectives & Key Results (OKR) genannte Führungsmethode stammt von IT-Häusern aus dem Silicon-Valley in Kalifornien und hat sich in der Praxis digital geprägter Unternehmen angeblich bereits seit Jahren bewährt.

Nach Darstellung von Rutter entsteht eine neue Transparenz über Abteilungs-Grenzen hinweg. Wichtig ist es aber, eine gesunde Mischung aus alter und neuer Arbeitswelt zu kreieren. Wenn man ausschließlich zu Hause arbeitet, fehlen die zufälligen Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen in der Kaffeeküche. „Diese sind nötig, um neue Ideen sowie eine Bindung an das Unternehmen zu entwickeln. Daher sollten auch bei hybriden Arbeitsplätzen analoge Rituale ermöglicht werden. Letztlich gilt es, das Beste aus beiden Welten miteinander zu verbinden“, kommentiert der Kapsch-Group-Manager.

Bemerkenswert ist die Reaktion der Politik. Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, ist mit seinem Vorschlag, 24 Tage Home-Office im Jahr als rechtsverbindlichen Anspruch zu verankern, vorerst beim Koalitions-Partner vor die Pumpe gelaufen. Aber der Home-Office-Zug ist mittlerweile so weit aus dem Bahnhof gefahren, dass sich die Wirtschaft dauerhaft auf die veränderten Arbeitsbedingungen einstellen sollte.

*Unter dem Eindruck der Veränderungen erweiterte die DAK-Gesundheit ihre Online-Angebote für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sie bietet Firmen Online-Workshops und -Schulungen für ihre Mitarbeiter an, die gesundes Arbeiten im Home-Office unterstützen. Die Angebote werden den aktuellen Entwicklungen stetig angepasst. Weitere Informationen online unter: www.dak.de/digitalesBGM

 

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