Home-Office/Arbeitsmarkt

Kulturwandel in Gang gesetzt

Ausgabe-Nr.: 12/2020

Bitkom-Präsident Achim Berg: „Die Corona-Krise hat gezeigt, dass flexibles Arbeiten die Qualität der Arbeitsergebnisse nicht schmälert – im Gegenteil.“

Der Berliner Digitalverband Bitkom stellt eine repräsentative Studie zur Digitalisierung der Arbeitswelt vor. Nach dieser machen Berufstätige im Corona-bedingten Home-Office überwiegend positive Erfahrungen und möchten auch nach der Pandemie weiterhin flexibel arbeiten. Zudem steigt die Zahl der Berufstätigen, die ausschließlich von zuhause aus arbeiten, aktuell in den zweistelligen Millionen-Bereich. Demnach werden die Rufe nach einer gesetzlichen Verankerung der Heimarbeit immer lauter. Zur Disposition stehen unter anderem eine Home-Office-Pflicht und eine steuerliche Förderung.

„Nach dem für die allermeisten erzwungenen Wechsel ins Home-Office mit dem Lockdown im Frühjahr hat die große Mehrheit in den vergangenen Monaten überwiegend positive Erfahrungen gemacht. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass flexibles Arbeiten die Qualität der Arbeits-Ergebnisse nicht schmälert – im Gegenteil. Unabhängig von Zeit und Ort zu arbeiten, kann allen Seiten Vorteile bringen, aber das setzt einen tiefgreifenden Kulturwandel in der Arbeitswelt voraus. Der Wandel der Arbeitswelt muss nun politisch pro-aktiv flankiert und mit Anreizsystemen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer unterstützt werden“, betont Bitkom-Präsident Achim Berg.

Gegenwärtig arbeitet jeder Vierte ausschließlich im Home-Office. Das entspricht 10,5 Millionen Berufstätigen. Weitere 20 Prozent (8,3 Millionen) agieren zumindest teilweise von den eigenen vier Wänden aus (-> Grafik 1). Insgesamt arbeitet somit fast jeder Zweite (45 Prozent) im Home-Office. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Bitkom-Befragung von 1.503 Erwerbstätigen in Deutschland im Oktober und November 2020.

Nach Berechnungen des Berliner Digitalverbandes werden künftig 35 Prozent den Arbeitsort flexibel wählen dürfen. Das entspricht etwa 14,7 Millionen Berufstätigen. Rund 3,2 Millionen (acht Prozent) werden komplett im Home-Office arbeiten und weitere 11,5 Millionen (27 Prozent) teilweise. Vor der Pandemie war der Heimarbeitsplatz eher die Ausnahme. Lediglich drei Prozent (1,4 Millionen) gingen ihrer Arbeit vollständig von diesem aus nach (-> Grafik 1).

Die Mehrheit, die im Home-Office arbeitet, schätzt ihre Arbeit im Vergleich zum Büro als produktiver ein und ist zufriedener mit den Ergebnissen. 23 Prozent geben an, deutlich produktiver zu sein. Weitere 34 Prozent beurteilen die eigene Leistung als verbessert. Die Arbeits-Zufriedenheit stieg ebenfalls bei 43 Prozent (-> Grafik 2).

Insgesamt überwiegen für die Erwerbstätigen die Vorteile: Acht von zehn empfinden weniger Stress, da der Arbeitsweg entfällt. Drei Viertel sehen den damit verbundenen Zeitgewinn positiv. Und 59 Prozent stellen eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben fest. Andere Vorzüge sind mehr zeitliche Flexibilität (43 Prozent), die Möglichkeit eines Gesundheits-bewussteren Lebensstils (32 Prozent) und weniger Störungen durch Kollegen (28 Prozent).

Der fehlende persönliche Austausch mit den Kollegen ist wiederum der größte Nachteil. Mehr als die Hälfte beklagt diesen Aspekt. Für jeden Fünften ist es ebenso ein Problem, weniger Kontakt mit den Vorgesetzten zu haben. Weitere Nachteile sind Schwierigkeiten, das Privatleben vom Job abzugrenzen (21 Prozent) und schlechtere Arbeits-Bedingungen als im Büro (21 Prozent). Außerdem hat jeder Sechste das Gefühl, von wichtigen Informationen abgeschnitten zu sein.

Das Potenzial für flexibles Arbeiten ist aus Sicht der Umfrage-Teilnehmer bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Drei Viertel vertreten den Standpunkt, dass das Home-Office viel stärker genutzt werden sollte. „Nach dem Corona-Schock hat sich die Arbeitswelt in vielen Bereichen auf diese zunächst herausfordernde Situation eingestellt und Home-Office wird mehr und mehr zur neuen Normalität. Jetzt muss es darum gehen, die gesamtgesellschaftlichen Vorteile in den Vordergrund zu rücken“, sagt Berg.

Die Unterstützung durch den Arbeitgeber ist den Berufstätigen zufolge noch verbesserungswürdig. Immerhin wurde 61 Prozent ein Notebook zur Verfügung gestellt, drei von zehn erhielten einen Monitor und jeder Fünfte ein Smartphone. Des Weiteren berichtet jeder Dritte, dass der Arbeitgeber eine Plattform zum Mitarbeiter-Austausch eingerichtet hat.

Der fehlende persönliche Austausch mit den Kollegen ist der größte Nachteil.

Um das Home-Office in Deutschland weiter zu verbreiten, verlangt der Großteil nach steuerlichen Anreizen. 59 Prozent fordern beispielsweise, dass der Staat diese Arbeitsform stärker steuerlich fördern sollte. Jeder Zweite vertritt die Ansicht, dass auch diejenigen Steuervorteile genießen sollten, die nur teilweise von zuhause arbeiten und kein spezielles Arbeitszimmer besitzen. Und mehr als jeder Dritte will, dass die Entfernungs-Pauschale für Autofahrer oder Fußgänger auch bei der Home-Office-Arbeit geltend gemacht wird.

„Wer im Home-Office arbeitet, wird steuerlich gegenüber Pendlern benachteiligt. Nur die wenigsten können ein Arbeitszimmer absetzen. Der Staat sollte fiskalische Instrumente bestmöglich einsetzen, um gesellschaftlich erwünschtes Verhalten anzuregen, also Verkehr zu reduzieren, verkehrsbedingte Emissionen zurückzufahren und – in Zeiten der Pandemie – soziale Kontakte zu vermeiden“, rät der Bitkom-Präsident.

 

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