Digitalisierung von HR

Europa hinkt hinterher

Ausgabe-Nr.: 06/2017

Jan Müller, Managing Director EMEA Solutions bei Korn Ferry Futurestep: Europa drohen im globalen ‚War for Talents’ mittelfristig deutliche Wettbewerbsnachteile.

Das Handy als Bewerbungs- und Rekrutierungskanal von Fach- und Führungskräften nutzen in Europa gerade einmal ein Fünftel der Unternehmen. Sie liegen damit im weltweiten Vergleich deutlich hinter Nordamerika, Südamerika und Asien. Auch in anderen Bereichen hat die Digitalisierung in den europäischen Personalabteilungen bisher nur partiell Einzug gehalten. Das ist das Ergebnis einer globalen Befragung von 1.100 Unternehmen durch Korn Ferry Futurestep.

 

„Wir beobachten, dass die meisten Unternehmen ihre Internet-Seiten in mobile Formate gebracht haben, teils dort auch ihre Vakanzen aufzeigen. Will sich ein Kandidat dann aber auf eine dieser Vakanzen bewerben, wird die Nutzeroberfläche in den meisten Fällen verlassen. Und er findet sich auf einer nicht für das Smartphone programmierten, wenig intuitiven Bewerberplattform wieder, die eigentlich einmal für den Computerbildschirm entworfen worden ist. So verlieren Unternehmen gerade junge Potenzialträger, die heute vielfach ihre Bewerbungsentscheidung danach ausrichten, welche digitale Kompetenz ein potenzieller Arbeitgeber bereits im Erstkontakt vermittelt“, sagt Jan Müller, Managing Director EMEA bei Korn Ferry Futurestep in Frankfurt.

Großen Nachholbedarf haben europäische Unternehmen auch bei der Einführung eines IT-gestützten Systems zur Nachverfolgung und zum Kontaktmanagement mit ihren Bewerbern. Nur knapp die Hälfte der Unternehmen verfügt über ein so genanntes ‚Applicant Tracking System’ (APS). In Nordamerika ist dies bei 77 Prozent der Unternehmen Standard, in Asien nutzen es 46 Prozent der Unternehmen, in Lateinamerika erst 30 Prozent.

Kaum Erfahrung haben europäische Unternehmen bisher mit der automatisierten IT-gestützten Überprüfung der Referenzen ihrer Bewerber. Nur acht Prozent nutzen eine solche Software, um einen ersten Eindruck über die Belastbarkeit der Empfehlungsgeber der Kandidaten zu bekommen. In Nord- und Südamerika nutzen dies immerhin bereits jeweils 22 Prozent der Unternehmen, im asiatisch-pazifischen Raum sind es zehn Prozent.

„Der Einsatz einer solchen Software steckt weltweit noch in den Kinderschuhen. Fest steht aber: Ähnlich wie bei der Rekrutierung über mobile Endgeräte zeigt Europa sich hier am wenigsten experimentierfreudig. Dadurch drohen im globalen ‚War for Talents’ mittelfristig deutliche Wettbewerbsnachteile“, warnt Müller.

Talentaktivitäten und Geschäftsstrategie divergieren

Während die Digitalisierung in vielen Unternehmen in vollem Gange ist, drohen HR und Talent Management den Anschluss zu verpassen. Ein Grund ist möglicherweise, dass es nach wie vor viele Unternehmen nicht schaffen, ihre Talent- und Rekrutierungsstrategie mit der geschäftlichen Strategie in Einklang zu bringen. Und es gaben nur 38 Prozent der Befragten an, dass sie ihre Rekrutierungsaktivitäten auf die Geschäftsstrategie abgestimmt haben. Mehr als ein Drittel haben nach eigener Aussage keine klare Zielausrichtung hinsichtlich der zu rekrutierenden und entwickelnden Talente.

 

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