Arbeitsmarkt/Corona/Robotik

Automatisierung rückt in den Fokus

Ausgabe-Nr.: 10/2020

VDMA-Fachverbands-Geschäftsführer Patrick Schwarzkopf: „Industriebetriebe mit Robotern können gezielt einzelne Arbeitsschritte automatisieren, um das Social Distancing in der Fertigung sicherzustellen.“ (Quelle: VDMA)

Deutschland ist in der EU mit rund 221.500 Industrie-Robotern die am stärksten automatisierte Volkswirtschaft. Der Bestand stieg im Jahr 2019 um drei Prozent. Diese Zahlen veröffentlichte die International Federation of Robotics (IFR) in ihrem Report ‚World Robotics 2020‘. Die IFR unterstreicht mit den Daten die wachsende Bedeutung der Automatisierung für den Arbeitsmarkt – erst recht in Corona-Zeiten.

„Industriebetriebe mit Robotern können gezielt einzelne Arbeitsschritte automatisieren, um das Social Distancing in der Fertigung sicherzustellen. Die neuen Anforderungen an sichere Arbeitsplätze in der Produktion lassen sich mithilfe von Robotik einfach umsetzen. Wie die Praxis zeigt, helfen Roboter dabei, wichtige Fertigungs-Prozesse resilienter zu machen und neue Anforderungen schnell umzusetzen“, sagt Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Robotik & Automation in Frankfurt. Die deutsche Industrie war bereits vor der Corona-Krise stark automatisiert und rangiert gemessen am Roboter-Bestand im weltweiten Vergleich nach China, Japan, Korea und den USA auf dem fünften Rang, meldet die IFR.

In 2019 wurden weltweit 2,72 Millionen Industrie-Roboter eingesetzt. Das entspricht einer Steigerung von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr (2018: 2,44 Millionen) (-> Grafik 2). Der globale Absatz neuer Roboter lag im vergangenen Jahr bei 373.000 ausgelieferten Einheiten. Die deutsche Wirtschaft verkaufte rund 20.400 Roboter. „Der Einsatz von Industrie-Robotern in Europa hat mit rund 580.000 Einheiten einen historischen Höchststand erreicht – der Bestand stieg um sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, kommentiert IFR-Präsident Milton Guerry die finalen Zahlen des Jahres 2019.

Für rund 80 Prozent der Industrie-Entscheider liegt ein wichtiger Vorteil der Roboter-Technologie darin, dass Mitarbeiter von Gesundheits-gefährdenden Aufgaben entlastet werden. Zudem lassen sich Fertigungs-Prozesse schnell auf neue Aufgaben umstellen und Produktions-Kosten somit senken. Diese Ergebnisse gehen aus dem ‚automatica-Trendindex 2020‘ hervor. Im Auftrag der Weltleitmesse für intelligente Automation und Robotik ‚automatica‘ wurden 100 Industrie-Entscheider und 1.000 Arbeitnehmer in Deutschland befragt.

84 Prozent sind der Meinung, dass der verstärkte Einsatz von Robotik in mittelständischen Betrieben keine Frage des „ob“, sondern des „wann“ ist. Weitere 81 Prozent schätzen die Programmierung von Robotern als „einfacher geworden“ ein und unterstreichen damit die Automatisierungs-Tendenz. Jedoch fehlt oft die nötige Ausbildung für den Roboterbetrieb bei den Mitarbeitern, glauben zwei Drittel der Entscheider und stehen hier vor einer Qualifizierungs-Hürde. Gut drei Viertel der Arbeitnehmer halten eine derartige Ausbildung für ein wichtiges Angebot mittelständischer Firmen. Genauso viele gaben an, dass Unternehmen sich mit Weiterbildungs-Angeboten für Robotik und digitale Technologien als attraktive Arbeitgeber profilieren können.

Die Denkweise, dass ein hoher Automatisierungs-Grad zu viele Arbeitsplätze überflüssig macht, scheint bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern nicht mehr so präsent zu sein wie noch vor ein paar Jahren. „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der sich verändernden Arbeitswelt leisten Robotik und Automation einen sehr wichtigen Beitrag, um die weltweite Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und Menschen länger in Beschäftigung zu halten“, betont Schwarzkopf.

Das denken auch 77 Prozent der Industrie-Entscheider und geben an, mit der Automatisierung auf den Mangel von verfügbaren Arbeitskräften zu reagieren. Praktische Beispiele hierfür gibt es viele: Der Maschinenbauer PIA Automation aus Amberg bei Nürnberg rüstete während der Corona-Pandemie beispielsweise auf eine vollautomatische Fertigung um.

Das Unternehmen fertigt normalerweise vollautomatische Produktions-Anlagen für die Automobil- und Konsumgüter-Industrie, zählt aber auch Medizintechnik-Anbieter zu seinen Kunden. Innerhalb weniger Wochen nach Ausbruch der Krise nahm PIA zunächst am Standort in China zwei stillgelegte Produktions-Linien wieder in Betrieb und stellte auf eine vollautomatische Fertigung von bis zu 140.000 Schutzmasken pro Tag um. Mit dem Know-how aus diesem Pilotprojekt arbeitet der oberpfälzische Maschinenbauer mittlerweile an zahlreichen Folgeaufträgen und implementiert selbst neue Montagelinien in Deutschland für die Fertigung von Gesichtsmasken.

Fertigungs-Anlage für Einwegmasken von PIA Automation: Der Maschinenbauer aus Amberg bei Nürnberg rüstete während der Corona-Pandemie auf eine vollautomatische Fertigung von bis zu 140.000 Schutzmasken pro Tag um. (Quelle: PIA Automation)

Ein anderes Beispiel aus dem Dienstleistungs-Segment: Der Full-Service-Robot-Rental-Anbieter RobShare, ein Unternehmen der Hahn Group Rheinböllen, unterstützt Bewohner von Pflegeheimen, Kontakt zu Angehörigen zu halten. Der Roboter ‚James‘ besucht Menschen unter Quarantäne und schaltet Familien-Mitglieder per Videokonferenz zusammen. RobShare bietet die Roboter für Pflegeheime kostenfrei an.

Der Einsatz von kollaborativen Robotern (Cobots), die mit Menschen Hand-in-Hand zusammenarbeiten, ist demnach auf dem Vormarsch. Der Absatz von Cobots nahm im Jahr 2019 um elf Prozent zu. Da immer mehr Hersteller kollaborative Roboter anbieten und sich gleichzeitig das Anwendungs-Spektrum vergrößert, erhöhte sich ihr Marktanteil auf 4,8 Prozent. Unter den 373.000 abgesetzten Industrie-Robotern in 2019 waren zirka 18.000 Einheiten Cobots.

 

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