Zeitarbeits-Branche

Erneuter Rückgang

Ausgabe-Nr.: 12/2019

Dr. Ralph Niederdrenk, Partner und Deals Strategy Leader bei PwC: „Zeitarbeits-Firmen sollten ihr traditionelles Geschäftsmodell mit einer hohen lokalen Präsenz kritisch prüfen und gezielt um digitale Möglichkeiten ergänzen.“

Die Zahl der Zeitarbeitnehmer ist in der zweiten Jahreshälfte 2018 um fast zehn Prozent eingebrochen. Für 2019 rechnet die Branche mit einer zusätzlichen Abnahme des Marktvolumens um drei Prozent. Erst ab dem nächsten Jahr könnte sich die Anzahl der Zeitarbeiter wieder stabilisieren. Zu diesen Ergebnissen kommt die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Zeitarbeits-Firmen wappnen sich durch Spezialisierung, Flexibilisierung der Kosten und Anpassung des Geschäftsmodells gegen die Schwankungen und sehen die Digitalisierung dabei als Chance an.

„Zeitarbeits-Firmen sollten ihr traditionelles Geschäftsmodell mit einer hohen lokalen Präsenz kritisch prüfen und gezielt um digitale Möglichkeiten ergänzen. Das Ziel sollte weniger darin bestehen, den Umsatz zu maximieren als vielmehr für stabile Profitabilität zu sorgen und in die nachhaltige Beziehung zu Zeitarbeitnehmern und Kunden zu investieren“, rät Dr. Ralph Niederdrenk, Partner und Deals Strategy Leader bei PwC Deutschland in München.

PwC wertete aktuelle Daten der Bundesagentur für Arbeit aus und befragte 36 deutsche Zeitarbeits-Firmen ab eine Million Euro Jahresumsatz. Ihren zurückhaltenden Blick in die Zukunft begründet mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen (53 Prozent) mit der konjunkturellen Abschwächung. Bei der Befragung aus dem Vorjahr lag dieser Wert gerade einmal bei acht Prozent (!). Weiterhin spielen strukturelle Themen wie der Fachkräftemangel und die strengere Regulierung von Zeitarbeit in Deutschland eine große Rolle. 58 Prozent beurteilen die Beschränkung der Höchstüberlassungs-Dauer von Arbeitnehmern auf 18 Monate als einen Wachstums-hemmenden Faktor. Weitere 56 Prozent führen die nach wie vor schlechte Verfügbarkeit von Fachkräften an.

Eine Lösung, um sich gegen die wirtschaftliche Abkühlung und damit verbundene Umsatzeinbußen zu rüsten, sehen 78 Prozent der Zeitarbeits-Firmen in einer Spezialisierung auf nicht-zyklische Nischen mit hoher Nachfrage, wie etwa die Bereiche Pflege und IT. 56 Prozent halten flexible Kostenstrukturen für eine gute Prävention. Eine Anpassung des Geschäftsmodells – beispielsweise in Form einer Reduktion der Standorte – planen 47 Prozent der Befragten.

Jene, die eine Veränderung beim Geschäftsmodell in Betracht ziehen, wollen sich auf bestimmte Nischen und Berufsgruppen spezialisieren (54 Prozent) oder setzen auf disruptive Geschäftskonzepte (43 Prozent). Auch Übernahmen sowie strategische Allianzen sind für viele (43 Prozent) eine Option (-> Grafik 6). „Zeitarbeitsfirmen brauchen eine klare strategische Ausrichtung, um sich in einem schwierigen Marktumfeld zu positionieren. Dies kann durch den Fokus auf ein innovatives Geschäftsmodell wie eine Online-Plattform erfolgen, aber auch durch eine Branchen-Spezialisierung oder die Digitalisierung ihrer Wertschöpfungskette“, sagt Niederdrenk.

Des Weiteren fassen 58 Prozent der Unternehmen in der aktuellen Situation die Digitalisierung als Chance auf. Dies entspricht einer Erhöhung um zehn Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Rund drei Viertel der Befragten (77 Prozent) begreifen die digitale Transformation als Möglichkeit, ihre internen Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen. Zwei Drittel (66 Prozent) erhoffen sich dadurch eine steigende Kundenzufriedenheit, da sie offene Stellen schneller und passender mit geeigneten Kandidaten besetzen können. Zudem erwartet die Hälfte (51 Prozent) eine Erhöhung der Margen sowie eine Verbesserung der Profitabilität (-> Grafik 7).

Trotz fortschreitender Digitalisierung geht die große Mehrheit (85 Prozent) davon aus, dass sie auch künftig nicht auf lokale Standorte verzichten kann. Online-Modelle werden nach Ansicht der Befragten nur eine komplementäre Rolle einnehmen, da die Nähe zu den Zeitarbeitnehmern ein wichtiges Kriterium bleibt, um sich vom Wettbewerb abzuheben.

 

Weitere Artikel dieser Ausgabe