Digitalisierung/Deutscher Mittelstand

Zwischen Licht und Schatten

Ausgabe-Nr.: 11/2019

Planat-Geschäftsführer Christian Biebl: „Die Digitalisierung erfordert eine kritische Analyse der Bestands-Prozesse und eine Ausrichtung auf digitale Instrumente. Aus der Erfahrung heraus ist ein optimales Setup einer ERP-Lösung der erste Schritt dazu.“

Viele Unternehmen ringen darum, mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Dies basiert oft genug auf einem unzureichenden Know-how und fehlenden Geldmitteln. Einige Mittelständler gehen durchaus kritisch mit sich ins Gericht. Andere schreiten wiederum als gutes Beispiel voran. Schließlich existieren etliche Möglichkeiten, die eigene Wettbewerbs-Fähigkeit mit Hilfe digitaler Technologien zu stärken.

„Die Digitalisierung erfordert eine kritische Analyse der Bestands-Prozesse und eine Ausrichtung auf digitale Instrumente. Aus der Erfahrung heraus ist ein optimales Setup einer ERP (Enterprise-Resource-Planning)-Lösung der erste Schritt dazu – Schattenprozesse wie Excel-Sheets oder Papierprozesse sollen dabei eliminiert werden“, erklärt Christian Biebl, Geschäftsführer der Planat GmbH in Ostfildern bei Stuttgart.

In der Studie ‚ERP im produzierenden Mittelstand 2019‘ des Herstellers Planat verleiht sich der deutsche Mittelstand selbst keine herausragenden Noten, wenn es um die Digitalisierung von Betriebsprozessen geht. Nur 27 Prozent der 110 Befragten bewerten den Status quo als ‚gut‘. 43 Prozent sehen die derzeitige Situation als ‚befriedigend‘ an. Und weitere 24 Prozent schätzen die Lage lediglich als ‚ausreichend‘ ein.

Zu den Problemen: Oft lassen sich bestehende Abläufe im Unternehmen schwer eins zu eins digitalisieren. Nur 24 Prozent halten ihre Prozesse diesbezüglich für gut geeignet. Eine weitere Problematik sehen die Befragten in der mangelhaften Einbeziehung von Nutzern. 60 Prozent sind der Auffassung, dass Anwender in die Digitalisierung nicht ausreichend einbezogen werden. „Die Qualität von Digitalisierungs-Projekten steht und fällt mit der Akzeptanz bei den Nutzern, und damit auch mit der Usability. Viele Standard-Softwareprodukte sind nicht nah genug an den tatsächlichen Anwendungs-Szenarien“, so Biebl weiter.

Die Infrastruktur ist ebenfalls von großer Bedeutung. Sowohl für die Daten-Einspeisung aus der Ferne als auch für die Datenübertragung zwischen verschiedenen Niederlassungen. 57 Prozent geben an, bei der Nutzung von Anwendungen über das Internet, Probleme mit einer zu geringen Bandbreite zu haben.

Digitalisierungs-Bemühungen kleiner und mittlerer Unternehmen (KMUs) fokussieren sich in der Regel auf die Optimierung von Abläufen und Kunden-Schnittstellen. Manche Mittelständler beschreiten jedoch neue Wege, etwa indem sie digitale Angebote konzipieren, zum Plattform-Anbieter werden, sich neue Märkte erschließen oder mit neuen Erlösmodellen experimentieren. Einer dieser Betriebe ist die Adam Oswald GmbH aus Geisenheim.

Der Malerbetrieb gestaltet seine internen Abstimmungs-Prozesse digital. Dazu gehört eine effiziente Auftragssteuerung vom ersten Anruf des Kunden bis zur Kunden-Befragung am Ende eines Projekts. Mit Hilfe einer speziellen Software sind für die unterschiedlichen Auftragsschritte und -kategorien jeweils fortlaufende Workflows angelegt. Um die Mitarbeiter auf diesem Weg aktiv mitzunehmen, wurden sie in einer Betriebsversammlung an das Thema herangeführt. Wichtig ist es, dass sich die Workflows direkt im Unternehmen konfigurieren lassen und Verbesserungen gemeinsam mit den Mitarbeitern getestet werden können.

Ein anderes gelungenes Beispiel gibt die Wetropa Kunststoffverarbeitung GmbH & Co. KG ab, ein Spezialist für Schaumstoffeinlagen zur Verpackung von Produkten. Die Firma baut ihr Privatkundengeschäft durch eine eigens entwickelte Web-Applikation namens ‚Foam Creator‘ aus. Mit dieser können Kunden die zu verpackenden Gegenstände fotografieren, anordnen und ihre Einlage selbst konfigurieren.

Zudem überprüft die App die Machbarkeit und erstellt ein verbindliches Angebot. Abschließend wird der Entwurf in Maschinendaten umgerechnet und produziert. Lieferschein und Rechnung fertigt die Lösung ebenso automatisch an. Insgesamt konnte Wetropa den Konstruktions-Aufwand somit um 75 Prozent reduzieren.

Das Start-up fabrikado.com schlägt wiederum einen anderen Pfad ein. Es bietet eine Cloud-basierte Plattform zur Vermittlung von Aufträgen an externe Lieferanten an. Bei dieser handelt es sich um eine Lieferanten-unabhängige Lösung für Bestellung, Produktion und Lieferung von Metall- oder Kunststoffbauteilen. Auf fabrikado.com können Kunden sofort ein gewünschtes Bauteil auf Basis der CAD-Datei kalkulieren und bestellen.

Im Zentrum dieser virtuellen Fabrik stehen Kalkulations-Algorithmen. Jene sind in der Lage, anhand technischer Zeichnungen, der Materialwahl, der Angabe von Fertigungs- und Bearbeitungs-Verfahren sowie der Lieferzeit ein Sofortangebot mit Festpreis zu generieren. Ab dem Zeitpunkt der Bestellung werden passende Lieferanten aus dem Netzwerk ausgewählt, der Auftrag vergeben und alle zur Produktion notwendigen Informationen an den Lieferanten weitergegeben. Der Lieferant kann durch den unkomplizierten Vergabe-Prozess seine Produktions-Kapazitäten flexibel auslasten und kurzfristig Aufträge annehmen.

 

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