Berufliche Weiterbildung

In Deutschland immer noch verkannt

Ausgabe-Nr.: 2/2020

Steve Wainwright, Geschäftsführer EMEA bei Skillsoft: „Die Arbeitskräfte von heute rekrutieren sich aus fünf verschiedenen Generationen – angefangen von den Traditionalisten bis hin zur Generation Z – die alle die digitale Transformation bewältigen müssen. Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter zukunftssicher machen, in deren Qualifizierung investieren und Schulungen anbieten.“

Die schnelle technologische Entwicklung, neue Jobprofile und ein sich stetig wandelnder Arbeitsmarkt zwingen Arbeitnehmer dazu, das eigene Wissen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen und weiter anzuhäufen. Lediglich 44 Prozent der deutschen Arbeitnehmer geben an, dass ihnen in ihrem Job Weiterbildungs-Angebote gewährt werden. Vor allem IT-Profis fühlen sich durch mangelnde Aus- und Weiterbildung ausgebremst. Neben den Versäumnissen auf der Arbeitgeberseite legt eine internationale Arbeitsmarktstudie allerdings auch offen, dass die Beschäftigten hierzulande zurückhaltender an das Thema ‚Umschulungen‘ herangehen.

„Die Arbeitskräfte von heute rekrutieren sich aus fünf verschiedenen Generationen – angefangen von den Traditionalisten bis hin zur Generation Z – die alle die digitale Transformation bewältigen müssen. Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter zukunftssicher machen, in deren Qualifizierung investieren und die Schulungen sowie die Unterstützung bieten, die die Beschäftigten für ihre neuen Rollen und den Erwerb neuer Fachkenntnisse benötigen. Doch viele Unternehmen scheinen dieses wichtige Element ihrer gesamten Strategie zur digitalen Transformation völlig zu übersehen“, kritisiert Steve Wainwright, Geschäftsführer EMEA bei der Skillsoft Group, einem Unternehmen aus dem Bereich Corporate Learning.

Der Anbieter deckte im Rahmen einer Umfrage auf, dass viele IT-Fachkräfte nicht die Fortbildungs-Möglichkeiten erhalten, die notwendig wären, um digitale Innovationen umzusetzen, mit neuen Technologien und Arbeitspraktiken Schritt zu halten oder sich effektiv in Funktionen zu behaupten, die sich rasch weiterentwickeln. 81 Prozent der Befragten gaben an, dass sie innerhalb der nächsten 18 Monate neue Fähigkeiten erlernen müssen, um ihre aktuelle Rolle weiterhin souverän und kompetent meistern zu können. Rund 59 Prozent äußerten jedoch die Befürchtung, dass sie in ihrem derzeitigen Unternehmen nicht das Maß an Schulung oder Vorbereitung bekommen, das erforderlich wäre, um auch in Zukunft vermittelbar oder qualifiziert zu sein.

Insbesondere in Bezug auf Tätigkeiten im Bereich DevOps, Künstliche Intelligenz (KI), Cyber- und Datensicherheit, Infrastruktur und Cloud haben die Umfrage-Teilnehmer starke Bedenken. 89 Prozent der Befragten antworteten, dass ihr Unternehmen mehr tun könnte, um die benötigten Lern-, Aus- und Fortbildungs-Möglichkeiten bereitzustellen. Nur 30 Prozent fühlen sich von ihrem derzeitigen Arbeitgeber so unterstützt, dass sie sich den neuen Anforderungen gewachsen fühlen, die eine digital transformierte Rolle mit sich bringt.

Weiterhin glauben 59 Prozent, dass ihr Unternehmen für neue Rollen bevorzugt externe Fachkräfte rekrutiert, anstatt bereits im Betrieb vorhandene Mitarbeiter besser auszubilden. Nur 17 Prozent aller Firmen verfügen laut der Befragung über ein effektives Programm, mit dem Mitarbeiter umgeschult und für neue Aufgaben qualifiziert werden. Bei zehn Prozent der Unternehmen gibt es überhaupt keine Art der Fortbildung.

Doch nicht nur IT-Mitarbeitern mangelt es an Weiterbildungs-Optionen. Eine repräsentative Arbeitsmarkts-Studie des Personalunternehmens Orizon gelangt zu ähnlichen Ergebnissen. Lediglich 44 Prozent der deutschen Arbeitnehmer sagen, dass ihnen Weiterbildungs-Maßnahmen in ihrem derzeitigen oder vorherigen Job angeboten wurden (-> Grafik 1). Am häufigsten werden nach wie vor interne Schulungen und Qualifizierungen veranstaltet (68,8 Prozent), gefolgt von externen Angeboten (55,6 Prozent). Beide Formate sind gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig. Auf dem Vormarsch sind hingegen ‚Lernen bei der Arbeit‘ (21,8 Prozent) sowie die ‚Qualifizierung in eigener Initiative‘ (15,5 Prozent).

Bemerkenswert und bedenklich zugleich: Trotz der allgemein anerkannten Relevanz von Weiterbildung zählt diese nicht zu den Top-Kriterien für einen attraktiven Arbeitgeber. Weiterbildungs-Angebote rangieren mit 16 Prozent lediglich auf dem zehnten Rang – deutlich hinter monetären Faktoren, flexiblen Arbeitszeiten oder dem Betriebsklima. Jeder Fünfte gibt an, nichts über Weiterbildungs-Angebote im aktuellen Job zu wissen beziehungsweise sich nicht darum gekümmert zu haben.

Die internationale Erhebung ‚Decoding Global Trends in Upskilling and Reskilling‘, für die die Online-Jobplattform StepStone, die Strategieberatung Boston Consulting Group und das globale Jobbörsen-Netzwerk ‚The Network‘ 366.000 Menschen aus 197 Nationen befragten (davon 17.000 aus Deutschland), ermittelte, dass nur 38 Prozent der Deutschen regelmäßig Zeit in ihre Weiterbildung investieren. Weltweit liegt der Wert bei 65 Prozent. Demnach vertreten deutsche Beschäftigte im globalen Vergleich eine sehr zögerliche Einstellung gegenüber Umschulungen.

„Ein Teil der Arbeitnehmer in Deutschland ist offen dafür, sich beruflich komplett neu zu orientieren – das ist ein gutes Zeichen. Dass es aber nur 53 Prozent sind, ist alarmierend. Weltweit sind im Schnitt zwei Drittel bereit, neue Fähigkeiten für einen komplett anderen Job zu erlernen. Damit liegt Deutschland unter den letzten zehn Prozent der Länder“, resümiert Rainer Strack, Managing Director und Senior Partner bei der Boston Consulting Group GmbH in Düsseldorf.

 

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