IT-Personalmarkt

Das Debakel wird immer größer

Ausgabe-Nr.: 42/2019

Bitkom-Präsident Achim Berg: „Jede unbesetzte IT-Stelle kostet Umsatz und die Innovationsfähigkeit der Unternehmen wird belastet. Der Mangel an IT-Experten bedroht die Wettbewerbsfähigkeit unserer gesamten Wirtschaft.“

Die Zahl der offenen Stellen für IT-Fachkräfte erreicht eine neue, alarmierende Rekordmarke. Es gibt derzeit 124.000 offene Stellen für IT-Spezialisten*. Das entspricht einem Anstieg um 51 Prozent gegenüber dem Vorjahr (82.000). Innerhalb von zwei Jahren hat sich damit die Zahl der unbesetzten IT-Stellen mehr als verdoppelt (2017: 55.000). Das ist das Ergebnis einer Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte, die der Branchenverband Bitkom in der letzten Woche in Berlin vorstellte.

„Der Mangel an IT-Experten betrifft längst nicht mehr nur die IT-Branche, sondern die gesamte Wirtschaft und auch Verwaltung, Behörden und Wissenschaft. So wie sich die Digitalisierung beschleunigt, wird der Bedarf an IT-Fachkräften in den kommenden Jahren weiter stark steigen“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg und weist darauf hin, dass jede unbesetzte IT-Stelle Umsatz kostet, die Innovationsfähigkeit der Unternehmen belastet und die nötige digitale Transformation bremst. „Der Mangel an IT-Experten bedroht die Wettbewerbsfähigkeit unserer gesamten Wirtschaft“, beklagt Berg.

Zudem sind IT-Jobs deutlich schwerer zu besetzen als andere Stellen. 40 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass die Besetzung von IT-Stellen länger dauert als die anderer Positionen. Vor einem Jahr waren es mit 31 Prozent noch deutlich weniger. Auch die Zeitdauer der Vakanz ist im Schnitt von fünf auf sechs Monate gestiegen. In 18 Prozent der Unternehmen bleiben IT-Stellen in der Regel länger als ein halbes Jahr unbesetzt, vor einem Jahr war das nur in 10 Prozent der Unternehmen der Fall. Dazu der Bitkom: „Die IT hat deutlich kürzere Innovationszyklen als andere Unternehmensbereiche. Eine Vakanz für ein halbes Jahr oder mehr ist eine kleine Ewigkeit und kann dazu führen, dass Projekte in andere Länder verlagert werden oder überhaupt nicht zustande kommen.“

Besonders begehrt sind Software-Entwickler. Jedes dritte Unternehmen mit mindestens einer offenen IT-Stelle (32 Prozent) sucht Programmierer. Dahinter folgen IT-Anwendungsbetreuer (18 Prozent), Data Scientists (13 Prozent), IT-Projektmanager (12 Prozent) sowie IT-Berater und IT-Service-Manager (je 10 Prozent). „Der hohe Bedarf an Software-Entwicklern zeigt die gravierenden Veränderungen, die im Zuge der Digitalisierung in den Unternehmen stattfinden. Software wird immer mehr zum Teil des Kerngeschäfts. Damit zieht die Software-Entwicklung quer durch alle Branchen in die Unternehmen ein und gewinnt dort massiv an Bedeutung“, erklärt Berg.

Die Unternehmen wären aus Sicht des Berliner Digitalverbandes gut beraten, die Ansprache von potenziellen Bewerbern zu verändern. So gibt eine breite Mehrheit an, dass Kandidaten sich bei ihnen per E-Mail (97 Prozent) oder schriftlich per Bewerbungsmappe (83 Prozent) bewerben können. Nur eine Minderheit setzt dagegen auf Online-Bewerbungs-Tools (26 Prozent) oder ermöglicht die Bewerbung mit einem Mausklick aus Business-Netzwerken heraus (6 Prozent). Gerade einmal 1 Prozent nutzt Bewerbungs-Apps. „Die Unternehmen müssen ihre Bewerbungsverfahren dringend an die digitale Welt anpassen. Um sich ein Bild von einem Software-Entwickler zu machen, hilft ein ausgedrucktes Anschreiben mit Zeugnissen und Arbeitsproben wenig. Eine knappe Mail mit Links zu erfolgreichen Projekten und deren Quellcode auf entsprechenden Plattformen ist da viel aussagekräftiger“, sagt der Bitkom-Chef.

Berg: „Was für Schlachthöfe und Friseursalons mit Niedriglöhnen passen mag, belastet hochqualifizierte und gut bezahlte IT-Freelancer, für ihre Kunden kann es verheerend sein.“

Die Personal-Suche wird sich in den kommenden Jahren stark verändern. So gehen 70 Prozent der Befragten davon aus, dass das sogenannte Active Sourcing in den nächsten fünf Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen wird. Dabei suchen die Betriebe beispielsweise gezielt in Business-Netzwerken oder auf Online-Plattformen nach geeigneten Kandidaten und schreiben diese an.

Ebenfalls wichtiger werden Kooperationen mit Hochschulen (59 Prozent), Headhunter und Personalvermittlungen (58 Prozent), Karrieremessen (54 Prozent), Online-Stellenbörsen (52 Prozent) sowie Business-Netzwerke (51 Prozent). Dagegen verlieren klassische Kanäle zur Mitarbeiter-Suche wie die Printausgabe von Zeitungen (84 Prozent) oder Fachmagazinen (76 Prozent) ebenso an Bedeutung wie die Arbeitsagentur (42 Prozent) und die Online-Ausgaben von Tages- und Wochenzeitungen (36 Prozent).

Der Bitkom fordert ein rasches und entschiedenes Handeln gegen den Mangel an IT-Spezialisten. So sollen deutlich mehr junge Menschen und vor allem Frauen für ein Informatik-Studium oder eine IT-Ausbildung gewonnen und die Abbrecher-Quote an den Hochschulen gesenkt werden.

„Die Bildungspolitiker haben sich seit Jahren den Forderungen nicht nur des Bitkom, sondern aus der ganzen Wirtschaft nach einem Schulfach Informatik im Fächerkanon verschlossen. Der Mangel an IT-Experten auf dem Arbeitsmarkt ist die Quittung“, beklagen die Branchen-Vertreter und fordern, dass Informatik an den Schulen flächendeckend ausgebaut und neue Bildungs-Angebote geschaffen werden, die schnell aktuelles Wissen vermitteln. Auch steuerliche Anreize für die IT-Weiterbildung müssen forciert werden.

Als kurzfristige Maßnahme wird die Erlaubnis zu Flexibilisierungen im Arbeitsrecht empfohlen. Etwa durch die Möglichkeit, dass IT-Spezialisten im Rahmen einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit ihren Arbeitseinsatz frei einteilen können. Zudem sollte die Digitalbranche dringend von den Neuregelungen des Arbeitnehmer-Überlassungsgesetzes ausgenommen werden. Dieses Gesetz hat dazu geführt, dass Unternehmen weniger auf externe Spezialisten zurückgreifen können oder externe Teams in laufenden Projekten austauschen müssen.

17 Prozent der befragten Betriebe beklagen, dass die Novelle der Arbeitnehmer-Überlassung das eigene Fachkräfteproblem weiter verschärft. 16 Prozent geben an, dass es ihnen nicht gelungen ist, Freelancer oder freie Mitarbeiter fest anzustellen. „Die Neuregelungen im Arbeitnehmer-Überlassungsgesetz sollten Lohndumping und prekäre Arbeitsverhältnisse verhindern. Doch was für Schlachthöfe und Friseursalons mit Niedriglöhnen passen mag, belastet hochqualifizierte und gut bezahlte IT-Freelancer, für ihre Kunden kann es verheerend sein“, kritisiert Berg.

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* Grundlage ist eine repräsentative Befragung von mehr als 850 Geschäftsführern und Personalverantwortlichen in Unternehmen ab 3 Mitarbeitern aus allen Branchen. 83 Prozent geben an, dass sie einen Mangel an IT-Spezialisten auf dem Arbeitsmarkt erleben, vor zwei Jahren waren es erst 67 Prozent. Zugleich erwarten zwei Drittel (65 Prozent), dass sich die Situation in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird.

 

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