Digitalisierung/Studie

Völlig neue Dimension

Ausgabe-Nr.: 35/2017

Der „Trendmonitor Südwestfalen 4.0“ mag einige Vorurteile zum Thema „Mittelstand und Digitalisierung“ widerlegen. Ein Defizit aber bestätigt auch diese Studie: Die Personalentwicklung in vielen Firmen hinkt den Notwendigkeiten weit hinterher.

 

 

Die Quoten wirken beeindruckend. 92 Prozent der Unternehmen, die an der Studie teilnahmen, messen der Digitalisierung eine sehr hohe Bedeutung für ihre Branche zu. Für 96 Prozent besitzt das Thema sogar eine hohe strategische Relevanz. „Bedenkt man, dass für die südwestfälische Wirtschaft vorwiegend das produzierende Gewerbe typisch ist, zeichnet sich hier das Bild eines traditionellen mittelständischen Unternehmertums ab, das den teils radikalen Wandel von Arbeit und Organisation offen angeht“, schlussfolgern die Autoren. „Das stellt einmal mehr auch die Innovationskraft und den unternehmerischen Mut der Region unter Beweis.“

Studien zur Digitalisierung im Mittelstand gibt es viele. Lobbyverbände und Global Player bedienen sich dieses Werkzeugs gerne, um angebliche Trendmeldungen abzusetzen. Bei näherem Hinsehen aber erweisen sich diese Untersuchungen in vielen Fällen als waghalsige Ableitung auf dünner Datenbasis. Die Zahl der Unternehmen, die dem deutschen Mittelstand zuzurechnen sind, lässt sich an einer Hand abzählen und verliert damit statistisch an jeder Aussagekraft.

Studien zur Digitalisierung im Mittelstand gibt es viele

Der „Trendmonitor Südwestfalen 4.0“ fällt in dieser Hinsicht sehr positiv aus der Rolle. Denn hier werden die Aussagen von 198 Unternehmen, die allesamt dem Mittelstand und knapp 39 Prozent dem verarbeitenden Gewerbe zuzurechnen sind, zu einem relevanten Spiegelbild der deutschen Wirtschaft auf den Punkt zusammengeführt. Hinzu kommt, dass sie den nicht enden wollenden Klagen von Bitkom & Co., der deutsche Mittelstand verschlafe die Zeichen der Zeit, handfeste Zahlen entgegensetzt. Das gilt unabhängig davon, dass die Initiatoren – eine Marketing-Agentur und ein IT-Dienstleister – selbstredend auch kommerzielle Zwecke mit der Veröffentlichung verfolgen. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie im Überblick:

(1) 80 Prozent der befragten Unternehmen glauben daran, dass die Digitalisierung dabei helfen kann, Südwestfalen für internationale Kunden und neue Arbeitskräfte attraktiver zu machen. Bemerkenswert: Managementgeführte Unternehmen sind in der Selbsteinschätzung nicht ganz so optimistisch wie inhabergeführte Betriebe. „Vermutlich auch“, erklären die Autoren, „weil die Zielvorgaben managementgeführter Unternehmen häufig quantitativer Natur sind und der Erfolg von Implementierungsprozessen meist an festgelegten Key-Performance-Indikatoren bemessen wird. Hingegen setzen inhabergeführte Firmen eher auf ein Bauchgefühl und qualitative Ziele.“

(2) Bei der Mehrzahl der südwestfälischen Unternehmen wird der digitale Wandel durch Vorstände und Geschäftsleitungen angeregt. Die „Anforderungen der Kunden“ und „Veränderungen am Markt“ werden von zwei Dritteln der Befragten als die wichtigsten externen Treiber bezeichnet (-> Tabelle 1). Dabei geht es vor allem um die Individualisierung von Produkten und Leistungen sowie die sich mehr und mehr online abspielende Beschaffungsdynamik.

(3) Intern sind Prozessop­timierungen die wesentlichen Digitalisierungs-Motoren. Hinzu kommen ein erhöhtes Datenaufkommen, die Optimierung der Kommunikation, die Komplexität der Arbeit oder die Optimierung der Kostenstruktur.

(4) In den Unternehmen selbst sind vor allem die Abteilungen und Ressourcen von der Digitalisierung betroffen, die eng mit dem Kundenprozess verbunden sind: IT, Vertrieb, Einkauf, Rechnungswesen und Logistik wurden überdurchschnittlich häufig als bereits mit der Digitalisierung konfrontierte Unternehmensbereiche angegeben. (-> Tabelle 2)

(5) Die Frage nach dem Digitalisierungsgrad des Personals im eigenen Unternehmen wird hingegen von 61 Prozent der Teilnehmer als gering eingestuft. „Das macht eine völlig neue Dimension des Umdenkens notwendig“, schlussfolgern die Autoren. „Nicht die Technik, sondern der Faktor Mensch ist entscheidend für den Erfolg der Digitalisierung.“

(6) Führungskräfte seien in der Pflicht, ein Umdenken in Unternehmen voranzubringen und Lernen zu fördern und zu fordern. Gefordert sei aber auch ein neuer Blick auf digitale Methoden und Möglichkeiten bei Ausbildung und Studium. „Denn die Berufsbilder der Industrie werden sich zweifellos radikal ändern. Und damit heute schon die Anforderungen an vorausschauendes Denken und proaktives Handeln.“

 

 

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