Corona-Virus

Medaille mit zwei Seiten

Ausgabe-Nr.: 10/2020

Optimal-Systems-Gründer und CEO Karsten Renz: „Wie wertvoll der Digital Workplace für die Existenz eines Unternehmens werden kann, führt uns derzeit die Corona-Problematik vor Augen.“

Während in Deutschland die Zahlen der Corona-Erkrankungen weiter nach oben gehen, steigt auch die Nachfrage nach ITK-Produkten für die Einrichtung von Heimarbeits-Plätzen, Video-Konferenzen und digitalen Kommunikations-Lösungen. Am Ende der Krise und im besten Fall könnte auf digitaler Basis eine völlig neue Unternehmens-, Wirtschafts- und Arbeits-Kultur entstehen.

„Dass mobiles Arbeiten und mobiles Lernen zum Standard werden könnten, schien bislang undenkbar. Jetzt aber werden wie unter einem Brennglas die immensen Potenziale sichtbar, die digitale Technologien grundsätzlich bieten“, kommentiert der Bitkom e. V. in Berlin die aktuelle Lage und fordert alle Unternehmen auf, das Home-Office für die dafür geeigneten Tätigkeiten einzuführen.

„Wie wertvoll der Digital Workplace für die Existenz eines Unternehmens werden kann, führt uns derzeit die Corona-Problematik vor Augen. Außerhalb des Büros tätig zu sein, heißt ja nicht nur, ein paar E-Mails vom Sofa aus zu beantworten. Es geht vielmehr darum, von überall aus auf Daten und Projektunterlagen zugreifen zu können und beispielsweise bei der Bearbeitung eine strukturierte Ablage und transparente Version beizubehalten sowie die revisionssichere Archivierung zu gewährleisten“, sagt Karsten Renz, Gründer und CEO der Optimal Systems GmbH in Berlin.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie, so die Ergebnisse von Umfragen, hängt eine deutliche Mehrheit der Bundesbürger die Digitalisierung ganz hoch auf und favorisiert inzwischen auch die Arbeit im Home-Office. Schätzungsweise arbeiten rund 50 Prozent der Berufstätigen in ihren eigenen vier Wänden. Für einen Teil (18 Prozent) ist diese neue Positionierung ein völlig neues Erlebnis. Bei 33 Prozent der Berufstätigen wurde erstmals Home-Office eingeführt, bei 43 Prozent wurden bestehende Home-Office-Regelungen durch den Arbeitgeber ausgeweitet. Bei 45 Prozent der Berufstätigen ersetzen Telefon- und Webkonferenzen die bisherigen Treffen mit persönlicher Anwesenheit. Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von mehr als 1.000 Bundesbürgern des Bitkom*.

„Die Corona-Pandemie und die drastischen Beeinträchtigungen des öffentlichen Lebens erzwingen ein radikales Umdenken in der Kultur vieler Unternehmen. Noch stärker gefordert sind öffentliche Arbeitgeber, für die Home-Office oft ein Fremdwort ist. Digitale Technologien sind der Schlüssel, um die Arbeitsfähigkeit von Wirtschaft und öffentlichen Einrichtungen wie Ämtern und Schulen auch in dieser außerordentlichen Krisensituation zu gewährleisten“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.

Indes: Das Home-Office ist noch weit von einer flächendeckenden professionellen Infrastruktur entfernt. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt, dass vor allem kleinere Unternehmen einen großen Nachholbedarf haben: Während immerhin 57 Prozent der Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten Heimarbeitsplätze offerieren, gewährt nur jeder fünfte Betrieb mit weniger als 100 Mitarbeitern diese Option.

Um vor allem den Arbeitnehmern unter die Arme zu greifen, zeigen sich einige IT-Anbieter nun solidarisch und stellen ihre Lösungen kostenlos zur Verfügung. Thou­sandEyes bietet beispielsweise seine Netzwerk-Analyse-Dienste zunächst einmal für 90 Tage gratis an, mit deren Hilfe Netzwerk-Probleme behoben werden können. Kunden des Münchner Cloud-Dienstleisters Retarus haben wiederum einen freien Zugriff auf die Multichannel-Lösung ‚Retarus WebExpress‘. Die Anwendung stellt die Versandwege E-Mail, Fax und SMS über eine einheitliche Browser-Oberfläche bereit. Zu den Kunden des Unternehmens gehören unter anderem Adidas, Bayer, BNP Paribas, Bosch, Continental, DHL, T-Systems oder Sony.

Darüber hinaus entwickelte der auf Event-Technologien spezialisierte Anbieter Eventnet eine neue Produktlösung, die Video-Meetings als Alternative zu Vorort-Veranstaltungen ermöglicht. Während herkömmliche Systeme überwiegend kleinere Teilnehmer-Gruppen virtuell vernetzen, können durch diese Applikation große Veranstaltungen mit bis zu 150 Teilnehmern online umgesetzt werden.

„Die Präsenzkultur im Berufsleben, aber auch in vielen anderen Bereichen, stellte schon vor Corona für viele eine Herausforderung dar, die noch andere Verpflichtungen haben oder schlicht weniger mobil sind. Jetzt sind wir plötzlich dazu gezwungen, die Möglichkeiten der digitalen Welt auszuschöpfen und New-Work-Ansätze wie Home-Office und Video-Konferenzen kollektiv umzusetzen“, sagt Maximilian Pohl, Gründer der Eventnet GmbH in Berlin. Der Corona-Virus bereitet dem Jung-Unternehmer einige Schwierigkeiten. So verlor seine Firma nahezu sämtliche Aufträge für die nächsten drei Monate. Deshalb offeriert er Veranstaltern, öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen Video-Konferenz-Lösungen als Alternative zu analogen Veranstaltungen.

Das Berliner Unternehmen viasto registriert gegenwärtig eine 80-prozentige Steigerung der Nachfrage nach seinen Video-Recruiting-Tools. Besonders Mittelständler digitalisieren vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie ihre Bewerbungs-Prozesse. Denn zahlreiche Arbeitgeber treiben auch in der Krise ihre Suche nach Mitarbeitern weiter voran, verzichten dabei allerdings auf Präsenztermine. Viele Personaler arbeiten derzeit aus dem Home-Office und sind auch deswegen gezwungen, neue Recruiting-Lösungen anzustreben, wenn sie wertvolle Kandidaten nicht verlieren möchten.

„Auch die Arbeitswelt in Deutschland wird derzeit durch den COVID-19-Virus komplett umgekrempelt. Das führt neben einigen schwierigen Herausforderungen auch zu einer beschleunigten Digitalisierung der Prozesse. Lange eingefahrene Verfahren und Vorgehensweisen kommen bei zahlreichen Arbeitgebern von heute auf morgen auf den Prüfstand und werden durch digitale Lösungen ersetzt“, konstatiert Martin Becker, Geschäftsführer der viasto GmbH in Berlin.

Weiterhin verursacht die momentane Lage einen erhöhten IT-Service-Bedarf. So mussten zum Beispiel die Mitarbeiter des IT-Dienstleisters Scholderer in den vergangenen Tagen in einem Zwei-Schicht-Betrieb IT-Servicekataloge erstellen. „Die wegen Corona zurückgehende Auftragslage verschafft vielen Unternehmen die Zeit, sich um eine klare Ordnung und Katalogisierung ihrer IT und der IT-Services zu kümmern. Die Betriebe nutzen in der aktuellen Corona-Phase unser Remote-Angebot und stellen ihre IT komplett service-orientiert auf, damit sie nach der Krise gestärkt am Markt auftreten können“, zieht Dr. Robert Scholderer, Geschäftsführer der Scholderer GmbH in Bruchsal, eines auf IT-Service-Management spezialisierten Dienstleistungs- und Beratungsunternehmens, wenigstens etwas Positives aus der zurzeit misslichen Lage.

Das Thema Sicherheit gewinnt erheblich an Bedeutung: Security-Experten empfehlen Unternehmen, diverse Vorkehrungen für ihre Home-Office-Modelle zu treffen (-> Artikel auf Seite 2). Insgesamt kann die Devise nur lauten: Aus der Not eine Tugend machen. Dies gilt sowohl für den Aufbau professioneller Home-Office-Strukturen und die Forcierung der Digitalisierung als auch für die Gestaltung des persönlichen Arbeitsalltags.

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* Hinweis zur Methodik: Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. Zwischen dem 11. und 15. März 2020 wurden dabei 1.002 Personen ab 16 Jahren telefonisch befragt, darunter 522 Berufstätige. Die Umfrage ist repräsentativ für die Gesamtbevölkerung.

 

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