CEBIT

Ein unrühmliches Finale

Ausgabe-Nr.: 46/2018

Besucher-Andrang auf einem Messe-Stand der CEBIT 2009: „Wir freuen uns, dass sie für ihre Messe-Stände so viel Geld ausgeben, anstatt es in den Markt zu investieren.“

Es war die Nachricht der letzten Woche. Die CEBIT ist am Ende. 32 Jahre nach der Trennung von der Industrie-Messe konnten die Organisationen zwar lange Zeit mit einer Flächen- und Umsatz-Expansion ihre heftig umstrittene Ausrichtung über die Runden bringen und die ITK-Branche am Nasenring durch das Messe-Gelände führen. Doch das horizontale Konzept ist in einer digitalen Wirtschaft nicht mehr zu retten. Die diesjährig erstmalig praktizierte Trilogie aus Messe, Konferenz und Festival war zwar ein mutiger Schritt, aber er kam zu spät und konnte das Desaster nicht mehr aufhalten. Die Veranstalter zeigten sich „unfähig, den Markenkern der CEBIT in die neue Zeit zu transformieren”, lautet das Fazit.

 

„Angesichts rückläufiger Flächenbuchungen für die CEBIT 2019 bereinigen wir unser Veranstaltungs-Portfolio. Die industrienahen Digitalthemen werden in der Industrie-Messe weitergeführt. Für die übrigen Themenfelder der CEBIT sollen inhaltlich spitze Fachveranstaltungen entwickelt werden, die sich gezielt an Entscheider ausgewählter Branchen richten“, teilte die Deutsche Messe AG in Hannover in der letzten Woche der verblüfften Öffentlichkeit mit.

In der deutschen Medien-Branche suchten die Kommentatoren nach den Gründen für das Scheitern der einst größten Computer-Messe der Welt. Leider konnten sie nicht immer wesentlich Erhellendes beitragen. Denn um das Ende wirklich zu verstehen, muss man sich den Anfang vor Augen führen. Der technologische Schub aus dem Silicon Valley mit der Etablierung und Durchdringung des PCs und des Mobilfunks in alle Lebensbereiche erreichte im letzten Jahrhundert eine solche gewaltige Dynamik, dass auf der Industrie-Messe die CEBIT-Hallen 1 und 18 aus allen Nähten platzten und der Weg in eine separate Veranstaltung geebnet war.

Nach der Geburt des neuen Messe-Konzeptes mit einer abgekoppelten CEBIT folgten, analog zum Lebenszyklus eines isländischen Herings, ein langer prosperierender Zenit und jetzt zwangsläufig der Fall in die Grube. Doch immerhin: 32 Jahre feierten die Veranstalter und die Branche im vollen Rausch eine gigantische Party.

849.000 Besucher drängten sich in den besten Zeiten für mehr als eine Woche auf dem erweiterten Messe-Gelände mit den vielen neuen Hallen und standen sich in den dicht gefüllten Gängen die Beine in den Bauch. Die separate CEBIT beglückte die Hoteliers, die Taxi-Fahrer, die Handwerker und versorgte die gesamte Infrastruktur in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Selbst die Bundesbahn mit ihren vollgestopften Messe-Sonderzügen, die aus allen Teilen Deutschlands direkt auf dem Messe-Bahnhof landeten, verdiente kräftig mit. Und nicht zuletzt konnten die vielen ausländischen Gäste abends im Bayern-Zelt ihr Deutschland-Bild bei voluminösen Bierhumpen, deftigem Eisbein und bayrischer Blasmusik (gegen 100 Euro Gebühr auf dem Pult sogar zum Mitdirigieren) neu justieren.

Auch die Dirigenten in der Führungsetage der Deutschen Messe AG konnten ihr Glück kaum fassen und schwebten fortan auf Wolke 7. Die Flächennutzung und die Besucher-Zahlen explodierten und entwickelten sich zunächst jenseits jeglicher Vorstellungskraft des Veranstalters. Höher, weiter, größer und schneller, lautete die Devise.

Flankiert wurde dieses Mantra vom Größenwahn. 1996 etablierten die CEBIT-Ausrichter eine zweite Messe: die CEBIT-Home. Abseits vom Lärm der konsumorientierten Endkunden sollten die Schlipsträger in gediegener Atmosphäre ihren Geschäften nachgehen und die Aussteller mit hochkarätigen Messe-Abschlüssen beflügeln. Wie nicht anders zu erwarten, wurde die CEBIT-Home nach dem zweiten Flop 1998 sang- und klanglos beerdigt.

Für die meisten Beteiligten war nicht mehr erkennbar, welche Zielgruppe die Organisatoren der Messe eigentlich adressieren wollen.

Gleichwohl gab es weiterhin genügend Unternehmen, deren Entscheider über eine Messe-Beteiligung nicht das Geld verdienen mussten, das sie mit vollen Händen mehr oder weniger zum Fenster herausschmissen. Und so konnten sie mit weitläufigen ‚Messestand-Palästen‘ eine kostenintensive „Image- und Markenpflege“ auf dem sogenannten Business-Event betreiben. Vornehmlich Firmen fernasiatischer Provenienz waren beim Prestige-Objekt CEBIT-Messestand keine Ausgaben zu hoch.

Als der Telekommunikations-Markt Anfang der 90er Jahre liberalisiert wurde und der Handy-Boom in vollem Gange einsetzte, mieteten die Player in diesem Segment ganze Hallen an und errichteten regelrechte ‚Tempelanlagen‘ (Telekom, Mannesmann, Vodafone). „Wir freuen uns, dass sie für ihre Messe-Stände so viel Geld ausgeben, anstatt es in den Markt zu investieren“, kommentierte seinerzeit ein Manager uns gegenüber die irrwitzigen Aktivitäten seiner Mitbewerber.

Die ungesunde Umsatz-Fixierung wirkte sich bis auf eine Meta-Ebene aus. Über Jahre war eine wichtige Messgröße der CEBIT, wie viel Umsatz die Kunden auf der Messe gemacht hatten, kritisierte ein Wirtschaftsjournalist. Es kam, wie es kommen musste: Die Konzeptionslosigkeit, gepaart mit einer auf immer neue Umsatz-Rekorde getriebenen Gier, sollte sich rächen. Denn für die meisten Beteiligten war nicht mehr erkennbar, welche Zielgruppe die Organisatoren der Messe eigentlich adressieren wollen. Den gewerblichen Entscheider im Business-Anzug? Den privaten Konsumenten, der oft genug als nerviger Plastiktaschen-Läufer im Gewusel auf den Gängen und den Ständen unterwegs war? Oder wie im Sommer dieses Jahres den Nerd aus dem digitalen Olymp?

Es setzte über viele Jahre ein stetiger Besucher-Schwund auf bis zuletzt 120.000 Messe-Gäste ein. Er war sichtbar begleitet durch immer mehr und größere leere Flächen. Im Messe-Jahr 2002 bepflanzte der niederländische Hersteller Océ van der Grinten aus Protest gegen die verkorkste Messe-Politik auf eigene Kosten die benachbarte brach liegende Standfläche mit Blumen (-> Unser Bericht „Im Tulpenland“).

„Wir sind hier wie auf einem arabischen Basar von fernöstlichen Pfefferbuden umzingelt, die ihre Elektronik-Bausteine unter die Leute verscherbeln wollen.“

Im gleichen Jahr machte nicht nur die Garten-Show von sich reden, sondern auch der Rausschmiss der Aussteller aus dem Bereich der Postverarbeitung, die sich auf Nimmerwiedersehen verabschiedeten.

Die verzweifelten Bemühungen des Veranstalters, jeden Migranten aus aller Welt als Aussteller zum Quadratmeter-Kauf anzulocken und die entstandenen Leerflächen wieder aufzufüllen, wurden immer grotesker. „Wir sind hier wie auf einem arabischen Basar von fernöstlichen Pfefferbuden umzingelt, die ihre Elektronik-Bausteine unter die Leute verscherbeln wollen“, beschwerte sich seinerzeit ein frustrierter Manager der TA Triumph-Adler AG beim Anblick seiner exotischen Nachbarschaft in der Halle 1. Und das Beratungsunternehmen Mummert + Partner stellte seinerzeit in einer Studie über den CEBIT-Stellenwert fest, dass „der Besucher von Neuigkeiten erschlagen wird, die er nicht braucht“.

Kein Wunder daher, dass es von allen Seiten Kritik hagelt. „Das Ende der CEBIT ist Teil eines großen Versagens”, schreibt der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart und macht zugleich auch die Politik dafür verantwortlich. Denn die Deutsche Messe AG gehört zu 100 Prozent der Stadt Hannover und dem Land Niedersachsen (beide SPD). Sie waren „unfähig, den Markenkern der CEBIT in die neue Zeit zu transformieren”, urteilt Steingart.

Das neue, diesjährig vorgestellte Konzept von CEBIT-Vorstand Oliver Frese mit der Trilogie aus Messe, Konferenz und Festival war zwar ein mutiger Schritt in eine neue Richtung. Er kam zu spät und konnte den tiefen Fall nicht mehr aufhalten. Die ausbleibenden Flächen-Buchungen, allen voran die Deutsche Telekom und Microsoft, über alle Themen-Segmente hinweg sorgten zudem für einen personellen Kollateralschaden. Messe-Chef Frese wirft das Handtuch und scheidet auf eigenen Wunsch bei der Deutschen Messe AG zum Ende dieses Jahres aus.

Bis zum bitteren Ende drehte das Management in Hannover im wahrsten Sinne des Wortes ein riesiges Rad. Das weithin sichtbare Riesenrad vor der Halle 27 auf der diesjährigen Sommer-Veranstaltung gewinnt daher mit dem Jahrmarkts-Ambiente eine besondere ironische Symbolik.

Das horizontale Messe-Konzept ist in einer digitalen Wirtschaft nicht mehr zu retten. Die Anbahnungen für die Geschäfte finden immer mehr auf speziellen Messen wie etwa dem Sicherheits-Event It-sa in Nürnberg, Mobile World Congress in Barcelona und der IFA in Berlin statt; von den Auswirkungen des Internets und den vielen neuen Hausmessen und den Roadshows  erst gar nicht zu reden.

Mit anderen Worten: Die CEBIT mit einer neuen Sortierung der digitalen Inhalte ist im Grunde wieder da angekommen, wo sie einst hergekommen ist. Auf der Industrie-Messe. „Die deutsche Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren immer wieder über die thematische Überschneidung von Hannover Messe und CEBIT diskutiert. Wir werden daher die Themen überführen, die inhaltlich zur klaren Ausrichtung der Hannover Messe passen“, sagte Dr. Jochen Köckler, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Messe AG, anlässlich der Bekanntgabe über das Ende. Begleitet von der Hoffnung, dass die alten und neuen Akteure künftig ihre Sache besser machen.

In der Tageszeitung ‚Die Welt‘ bedankt sich Wirtschaftsredakteur Thomas Heuzeroth für über 30 Jahre Computer-Messe und spricht aus, was viele der Kommentatoren und Fans denken: „Dieses Ende hat die CEBIT nicht verdient”. Doch! Denn dieses Desaster war absehbar. Vor allem, wenn man denkt, der Wandel verändert alles, außer einen selbst.

 

 

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