Augmented-Reality-Brillen

Neue Ein- und Ausblicke

Ausgabe-Nr.: 18/2020

AR-Techniker im Einsatz vor Ort: Die Mitarbeiter zeigen sich entspannter im Umgang mit neuen Maschinen. Denn sie wissen, dass sie im Notfall immer ad hoc eine virtuelle Unterstützung erhalten.

Augmented Reality (erweiterte Realität) beziehungsweise VR- und AR-Brillen, die die Welten zwischen Realität und Virtualität verknüpfen, geraten immer mehr ins Blickfeld der ITK-Branche; die ersten Anwendungen für den Service-Bereich sind bereits angekommen. Marktforscher prognostizierten, dass die Industrie-Unternehmen bis zum nächsten Jahr 63 Milliarden US-Dollar in die neue Technologie investieren – das war vor Corona. Jetzt dürften die enormen Ersparnisse und Produktivitäts-Zuwächse dazu führen, dass die Zahl der AR- und VR-Projekte in deutschen Unternehmen weiter in die Höhe geht.

„Über die Brille des Kollegen sieht der Experte, wo der Fehler liegt. Und er kann von seinem Arbeitsplatz aus den Mitarbeiter an der Maschine durch die notwendigen Schritte leiten. Das spart Kosten und Zeit: Die langen Flugreisen zu den Tochter-Unternehmen entfallen und die Stillstandzeit der Maschine wird im Idealfall auf ein Minimum reduziert“, sagt Alexander Sarkissian, Digital Initiative Manager bei Schwan Cosmetics in Heroldsberg.

Wartung via Augmented-Reality-Brille (AR). Die neue Technologie, die der Weltmarkt-Führer für Kosmetik-Stifte aus dem fränkischen Heroldsberg seit zwei Jahren in der Praxis nutzt, setzen jetzt auch die ersten Unternehmen in der MFP- und Drucker-Branche um. Die TA Triumph-Adler GmbH stellt mit der Markt-Einführung des neuen Inkjet-Produktionssystems TASKalfa Pro 15000c den Fuß in diese Tür (-> INFO-MARKT Nr. 12/2020). „Durch diesen Remote-Support können Anwender die Ausfallzeiten des Systems weiter minimieren. Gerade in der aktuellen Situation rund um das Corona-Virus sind Remote-Lösungen gefragt, um betriebliche Tätigkeiten aufrechtzuerhalten”, argumentiert TA-Geschäftsführer Christopher Rheidt.

Bei der Schwan-Stabilo Cosmetics GmbH & Co. KG, bekannt etwa auch durch ihre Textmarker, gehört dieser Remote-Support schon zur Tages-Routine. Das global operierende Unternehmen muss seine hochautomatisierten Produktions-Anlagen nicht nur im heimischen Heroldsberg am Laufen halten, sondern auch in China, Mexiko, Indonesien, Tschechien, Kolumbien und Brasilien. Mal müssen die Mitarbeiter bei einem Maschinen-Stillstand die Mixed-Reality-Brille in Fernost aufsetzen, ein anderes Mal steht die Inbetriebnahme der Anlage im tschechischen Cesky Krumlov auf dem Programm und ein nächstes Mal sind es Bedienungs-Hinweise oder Probleme bei der Stiftmontage.

Die AR-Brille Microsoft-HoloLens, eingeführt in einem gemeinsamen Projekt mit der Telekom-Tochter T-Systems, wurde in diesem Unternehmen zum alltäglichen Arbeitsgerät. Komplizierte Einsätze an den Maschinen werden vorher via Datenbrille durchgespielt. Auch die Mitarbeiter zeigen sich entspannter im Umgang mit neuen Maschinen. Denn sie wissen, dass sie im Notfall immer ad hoc eine virtuelle Unterstützung erhalten.

Die Service-Experten aus der Firmenzentrale von Schwan Cosmetics begleiten die Betreiber von Produktionsmaschinen mit einer Remote-Unterstützung. Der Techniker am Hauptsitz ist dabei über eine Desktop-App via HoloLens mit dem Bediener der Maschine vor Ort verbunden. Anweisungen können direkt in dessen Blickfeld übertragen werden, so dass beide die gleichen Abläufe sehen können. Eine spezielle AR-Brille schottet den Nutzer aber im Gegensatz zu einer Virtual-Reality-Brille nicht komplett von seiner Umgebung ab, ihm werden vielmehr zusätzliche Informationen über sein Umfeld eingeblendet. So kann etwa ein Lagerarbeiter informiert werden, in welchem Regal er das gesuchte Ersatzteil findet. Dem Mechaniker werden nützliche Informationen über das zur Reparatur anstehende Bauteil eingespielt oder einem Monteur werden komplexe Montage-Instruktionen übermittelt.

Die Anmerkungen und Anweisungen sowie die Maschinen-Einstellungen erscheinen im Sichtfeld des Bedieners. Missverständnisse durch etwaige Sprach- oder Dialekt-Barrieren werden damit auf ein Minimum reduziert. Die ersten erfolgreichen Remote-Sessions wurden mit der Schwan-Cosmetics-Tochtergesellschaft in Tennessee (USA) durchgeführt.

Zu den Kosten: Durch den Echtzeit-Remote-Support spart das Unternehmen rund 90 Prozent des Aufwandes für die Reisekosten und -zeiten der Technik-Experten ein. Darüber hinaus konnte Schwan Cosmetics die Ausgaben für Schulungen um 45 Prozent senken, da nun der Wissenstransfer vom Spezialisten zum Techniker an der Maschine direkt und somit effizienter erfolgt.

Der Leistungsumfang der neuen AR-Lösung wird sukzessive weiterentwickelt. In der aktuellen Version können bereits Screenshots oder textliche Anmerkungen gespeichert werden, um das Video des Service-Einsatzes zu protokollieren. Daraus könnte eine Wissens-Datenbank entstehen, um so zukünftige Support-Einsätze schneller durchführen zu können. Auch für Schulungen wird die AR-Lösung, die weltweit an allen acht Schwan-Standorten ausgerollt wurde, genutzt.

Auch der TA-Kunde Druckerei und Verlag Markus Reichert aus Kleinwallstadt setzt die AR-Technologie ein. „Für uns ist das ein absoluter Mehrwert. Wir können rund um die Uhr vom TA-Service profitieren, ohne dass ein Techniker zu uns fahren muss”, sagt Erich Czermin, Leiter Digitaldruck bei Reichert. Wirtschaftlich bietet die Brille dieselben Vorteile wie bei Schwan Cosmetics. Kleine Fehler vom Bediener können sehr schnell behoben werden, wodurch sich die Standzeiten der Maschine verringern und sich die Produktivität erhöht.

Durch den Echtzeit-Remote-Support werden rund 90 Prozent der Reisekosten und -zeiten der Technik-Experten eingespart. Zudem konnte Schwan Cosmetics die Ausgaben für Schulungen um 45 Prozent senken.

TA will Augmented Reality nicht nur für die Produktionsmaschinen im hochvolumigen Markt einsetzen, sondern die Anwendung auch auf das gehobene Office-Segment ausdehnen. „Wir sehen in der AR-Technologie großes Potenzial für unseren Service im Office-Bereich. In ersten Piloten testen wir den Einsatz bereits mit unseren Service-Kollegen. Diese erhalten bei Bedarf umgehend Unterstützung von unserem Remote-Support und den entsprechenden Produkt-Spezialisten, die sie visuell anleiten können“, erklärt Christopher Rheidt auf unsere Anfrage.

Ein weiterer Vorteil: Mit der AR-Technologie werden die Geschwindigkeit und Qualität verbessert und die Ausfallzeiten der Systeme reduziert. Dazu Rheidt: „Im nächsten Schritt geht es darum, auch Kunden direkt einzubinden, um unseren Service auf ein neues Level zu heben. Hier können wir auf die Erfahrungen zurückgreifen, die wir aktuell im Bereich Production Printing sammeln.“

Ein Fazit: Enorme Ersparnisse und Produktivitäts-Zuwächse dürften gerade durch die Corona-Krise dazu führen, dass die Zahl der AR- und VR-Projekte in deutschen Unternehmen in den kommenden Monaten weiter in die Höhe geht. Bereits vergangenes Jahr ermittelte eine Studie der IDG Research Services aus München: Fast 75 Prozent der deutschen Unternehmen setzen schon Virtual oder Augmented Reality ein oder planen eine derartige Investition. Auf einer Skala von 1 (Erwartungen überhaupt nicht erfüllt) bis 10 (Erwartungen übertroffen) gaben 77 Prozent der Unternehmen VR-/AR-Projekten die Noten 7 bis 10. Weniger als ein Prozent zeigte sich mit dem Erfolg in hohem Maße unzufrieden. An die 37 Prozent der Manager sahen ihre Erwartungen als vollständig oder über die Maßen erfüllt an (Noten 9 und 10).

Weniger erfreulich ist der Einsatz der AR-Technik für den klassischen Service-Techniker im Office-Bereich der MFP- und Druck-Systeme. Mit dem Einzug dieser Innovation in sein Arbeitsumfeld steigt der Druck zu weiteren Qualifikationen und gegebenenfalls wird sein Arbeitsplatz in mittelfristiger Sicht in Gefahr sein.

 

Weitere Artikel dieser Ausgabe