Agile Unternehmens-Kultur

Zünglein an der Waage

Ausgabe-Nr.: 42/2020

Mario Zillmann, Autor der Sonderanalyse und Partner bei Lünendonk & Hossenfelder: „In den meisten Fällen wird sich kein Unternehmen komplett auf agile Arbeitsweisen umstellen, sondern Agilität dort einsetzen, wo es sinnvoll ist – beispielsweise bei Innovations-Themen, der Entwicklung neuer Geschäfts-Modelle oder der Software-Entwicklung.“

Die Marktforscher von Lünendonk führten eine Untersuchung zum Thema ‚agile Transformation in Unternehmen‘ durch. Eine Erkenntnis: Das Top-Management fordert von seinen Angestellten immer häufiger eine agile Arbeitsweise, lebt diese allerdings selbst nur zu selten vor. Das mittlere Management, das sich lange Zeit mit agilem Arbeiten schwertat, passt sich dagegen immer besser an und gewinnt vermehrt an Methoden-Kompetenz hinzu. Angesichts der Corona-Krise steigt der Digitalisierungs- und Innovations-Druck deutlich und Führungskräfte müssen ihre Firmen zwangsläufig flexibler aufstellen.

„Für viele Führungskräfte ist es oft einfacher, sich eine neue Methoden-Kompetenz – wie zum Beispiel Design Thinking – anzueignen, als sich an neue Führungsstile zu gewöhnen. Während noch vor Jahren gerade im mittleren Management, also auf Ebene der Abteilungs- und Teamleiter, besonders viele Vorbehalte gegenüber Agilität und einem damit verbundenen Kontrollverlust herrschten, scheint sich das Bild mittlerweile gewandelt zu haben. Nur 16 Prozent der Studien-Teilnehmer gaben an, dass das mittlere Management in ihren Unternehmen so gut wie nie agile Arbeitsweisen vorlebt“, erklärt Mario Zillmann, Autor der Sonderanalyse und Partner der Lünendonk & Hossenfelder GmbH in Mindelheim.

Für die Erhebung ‚Agile Transformation: Doing Agile versus Being Agile‘ wurden über 200 IT-Führungskräfte aus dem gehobenen Mittelstand sowie aus Großunternehmen und Konzernen verschiedener Branchen befragt. Ein zentrales Ergebnis: Die Investitionen in die agile Transformation machen sich durch die Corona-Pandemie nun bemerkbar: Ein Drittel der befragten Digital- und IT-Manager gab an, dass Führungskräfte im eigenen Unternehmen Projekte und Produkt-Entwicklungen erfolgreich agil planen und umsetzen können. Weitere 57 Prozent sollen diese Methoden-Kompetenz zumindest in Teilen besitzen.

Der große Vorteil eines flexiblen Unternehmens liegt darin, dass es auch in Extrem-Situationen dazu in der Lage ist, schnell auf eine veränderte Nachfrage-Situation zu reagieren, Lösungen umzusetzen und sich neuen Bedingungen anzupassen. Zwar ist die agile Methoden-Kompetenz bei den Führungskräften „bereits recht hoch“, jedoch besteht weiterhin ein Nachholbedarf bei der Umsetzung jener Praktiken. Diese Diskrepanz zwischen „Doing Agile und Being Agile“ zeigt sich dadurch, dass zwei Drittel des Top-Managements die Transformation zwar vorantreiben, jedoch nur 58 Prozent die Vorgehensweisen selbst vorleben.

Demnach stellt der Wandel der Unternehmens-Kultur für viele Akteure nach wie vor eine Herausforderung dar. 56 Prozent der Studien-Teilnehmer nehmen diesen als „sehr starke oder eher starke Herausforderung“ wahr (-> Grafik 2). „Aber in den meisten Fällen wird sich kein Unternehmen komplett auf agile Arbeitsweisen umstellen, sondern Agilität dort einsetzen, wo es sinnvoll ist – beispielsweise bei Innovations-Themen, der Entwicklung neuer Geschäfts-Modelle oder der Software-Entwicklung. In diesem Zusammenhang kommt es daher für die Management-Ebene auf Ambidextrie an – also die Fähigkeit, sich sowohl in agilen als auch in hierarchischen Strukturen gleichzeitig zurechtzufinden und entsprechend flexibel zu sein“, erläutert Zillmann.

In den befragten Unternehmen wird agiles Arbeiten größtenteils noch mit den Frameworks Scrum (74 Prozent) und Kanban (64 Prozent) geregelt. Diese Methoden sind eigentlich auf kleinere Gruppen ausgelegt und lassen sich folglich nicht ideal zur Steuerung einer großen Anzahl von Teams anwenden. Die hierfür passenden Skalierungs-Frameworks wie Scrum@Scale (17 Prozent), SAFe (10 Prozent) oder das Spotify-Modell (10 Prozent) werden bisher nur von einer Minderheit eingesetzt.

„Hinsichtlich des Stands zu den Skalierungs-Frameworks bestätigt die Studie unsere Beobachtungen am Markt. Es herrscht gerade in diesem Bereich noch eine hohe Unsicherheit in den Unternehmen – nicht nur in Bezug auf Frameworks, sondern auch bezüglich der Bedeutung skalierter Agilität im Allgemeinen“, kommentiert Tobias Freitag, Competence Lead Agile Transformation beim Studien-Partner BridgingIT GmbH in Mannheim, die Ergebnisse.

 

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