Konjunktur 2018

Reparaturen nur bei Sonnenschein 

Ausgabe-Nr.: 1/2018

Marcel Fratzscher, Präsident des Berliner Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): „Ich sehe die große Investitionslücke nach wie vor als eine der wichtigsten wirtschaftlichen Schwächen Deutschlands.“

Die Wirtschaft boomt. Sie wird in diesem Jahr voraussichtlich um mehr als zwei Prozent wachsen. Die Steuereinnahmen sprudeln. Die Beschäftigung ist auf einem Höchststand und die Arbeitslosigkeit befindet sich auf dem Niveau der 80er-Jahre. Die Aussichten für dieses Jahr können nicht besser sein.

 

Aber: Deutschland kämpft mit einem Investitionsproblem und hat für seine EU-Partner einen schädlichen Handelsüberschuss. Zudem richten die Ungleichheit und die geringe Chancengleichheit in der Bevölkerung einen großen wirtschaftlichen und sozialen Schaden an. Und die EZB-Geldpolitik sowie die ausstehenden Strukturreformen in der EU schränken die optimistische Gesamtbetrachtung erheblich ein.

„Jetzt im Aufschwung ist die Zeit für Reformen. Man repariert das Dach, wenn die Sonne scheint“, mahnt Marcel Fratzscher, Präsident des Berliner Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), in einem Interview mit der Tageszeitung Welt. Und er gibt zu bedenken, dass die kommende Bundesregierung so gute Ausgangsbedingungen vorfindet, wie es sie in den vergangenen 40 Jahren nicht gegeben hat.

Fragt sich nur, ob die Politik die Chancen auch nutzt, um unsere Wirtschaft auch langfristig auf dem richtigen Kurs zu halten. Immerhin liegen einige schwerwiegende Probleme auf dem Tisch. Dazu zählen unter anderem die Reform der Renten- und Gesundheitspolitik, der völlig unzureichende Ausbau der digitalen Infrastruktur und die schlechten Rahmenbedingungen für Start-ups, der völlig leer gefegte Markt für qualifizierte Arbeitskräfte sowie die Hindernisse durch zu viel Bürokratie und die Ungleichgewichte bei den verfügbaren Einkommen.

DIW ermittelte ein starkes Nord-Süd-Gefälle

So ermittelte das DIW, dass ein starkes Nord-Süd-Gefälle besteht. Im Osten und Norden gibt es Städte und Gemeinden, die weniger als 100 Euro pro Einwohner für Investitionen pro Jahr ausgeben. Im Süden sind es zwischen 500 Euro bis 700 Euro pro Jahr und pro Kopf. Der daraus entstehende wirtschaftliche Schaden ist groß. Manche Regionen können sich dieser Abwärtsspirale nicht mehr entziehen, so dass die Abhängigkeit der Haushalte vom Sozialstaat steigt und zementiert wird.

Ein weiteres herausragendes Problem sind die zu geringen Investitionen. „Ich sehe die große Investitionslücke nach wie vor als eine der wichtigsten wirtschaftlichen Schwächen Deutschlands“, klagt Fratzscher. Denn obwohl die öffentlichen und privaten Investitionen zwar wieder anziehen, bleibt das Niveau immer noch viel zu gering.

Die Abschreibungen des Staates sind nach wie vor höher als die Neuinvestitionen. Daher wird die öffentliche Infrastruktur weiter auf Verschleiß gefahren. Dass die Unternehmen immer noch lieber im Ausland investieren, führt zu einer langfristigen Schädigung des hiesigen Wirtschaftsstandortes und der Wettbewerbsfähigkeit, mithin zu der verpassten Chance, dass viele Menschen am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben können.

Die Beschreibung der gesamtwirtschaftlichen Probleme sollte den Blick auf die Schwierigkeiten in unserer Branche beflügeln. Denn hier besteht ebenfalls ein teils massiver Handlungsbedarf in Richtung neuer und optimierter Geschäftsmodelle. Doch viele Unternehmer und Führungskräfte kommen trotz guter Auftrags- und Geschäftslage nicht schnell genug in die Hufe. – Das neue Jahr mit den ausgezeichneten Geschäftsaussichten ist daher nach unserer Meinung ein guter Anlass, Weichen umzustellen oder an Stellschrauben zu drehen, bevor der nächste wirtschaftliche Einbruch die Handlungsfähigkeit einschränkt oder sie ganz außer Kraft setzt.

 

 

 

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