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Ricoh Deutschland

Wider das Krisennarrativ

Michael Raberger, CEO der Ricoh Deutschland GmbH
Michael Raberger, CEO der Ricoh Deutschland GmbH:

„Ein besonderer Fokus liegt auf dem Ausbau digitaler Services und neuer Geschäftsfelder, während wir gleichzeitig unsere starke Position im Kerngeschäft weiter festigen.“ (Foto: Ricoh)

Trotz Investitionsflaute, Bürokratie-Bremse und gedrückter Stimmung ist der deutsche Markt für Ricoh Deutschland kein schwieriges Fahrwasser – im Gegenteil. Anstatt wie andere über eine vermeintliche Standortschwäche zu klagen, setzt Ricoh auf Zuversicht als Betriebssystem und einen klaren Portfolio-Fokus: Farbsysteme, Standardisierung im AV-Geschäft und Digitalisierungslösungen. Die normative Kraft des Faktischen gibt den Takt vor. Wer Medienbrüche schließt und Wertschöpfung steigert, gewinnt Profitabilität. Im Gespräch mit INFO-MARKT-Chefredakteur Dr. Alfried Große offenbart Michael Raberger, CEO der Ricoh Deutschland GmbH, dass Deutschland im Konzern nach wie vor den Status eines strategischen Wachstumsmarkts genießt, in dem Ricoh mit innovativen Betriebsmodellen für die hybride Arbeitswelt seine Marktposition ausbauen will.
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Alfried Große: Ricoh Deutschland ist seit vielen Jahren fester Bestandteil des deutschen Marktes für Bürokommunikation, IT-Services und Digitalisierung. Wie würden Sie in drei Sätzen den Status quo Ihres Unternehmens in Deutschland beschreiben?

Michael Raberger: Wir befinden uns als Organisation schon einige Jahre in einer Transformation, die sowohl durch interne Veränderungen als auch durch Entwicklungen im äußeren Umfeld vorangetrieben wird. Dieser Wandel ist durchaus mutig, wurde früh begonnen und wir sind dabei auf einem guten Weg.

Unser Ziel ist es, als Arbeitgeberorganisation in Deutschland sowohl unsere Mitarbeitenden als auch unsere Kunden konsequent in den Mittelpunkt zu stellen. Den Erfolg messen wir regelmäßig – einerseits durch interne Mitarbeiterbefragungen, andererseits durch Kundenumfragen.

Ein besonderer Fokus liegt auf dem Ausbau digitaler Services und neuer Geschäftsfelder, während wir gleichzeitig unsere starke Position im Kerngeschäft weiter festigen. Darüber hinaus haben wir uns vorgenommen, diese Transformation mit Zuversicht und positiver Energie zu gestalten.

Nach nun fast dreieinhalb Jahren bei Ricoh Deutschland, in denen ich die Organisation begleiten durfte, sehe ich kontinuierliche Fortschritte in den für uns entscheidenden Bereichen.

Alfried Große: Medien und Marktauguren werden nicht müde, in ihrer Berichterstattung eine negative Stimmung zu erzeugen und ein Menetekel des Niedergangs der deutschen Wirtschaft an die Wand zu malen. Schwaches Wachstum, hohe Energiepreise und geringe Investitionsbereitschaft kursieren ja immer wieder als Schlagwörter. Wie empfinden Sie draußen diese Situation, wenn Sie beim Kunden sind?

Michael Raberger: Im Hinblick auf die deutsche und globale Wirtschaft hat sich in den vergangenen eineinhalb bis zwei Jahren die Stimmung spürbar eingetrübt – vor allem im Vergleich zu meinem ersten Jahr hier. Ich bin kurz nach dem Ende der Corona-Pandemie in Deutschland angekommen, und 2023 war insgesamt ein gutes Jahr: wirtschaftlich stabil, voller Optimismus, und alle waren erleichtert, die Coronaphase hinter sich gelassen zu haben. Seitdem jedoch, vor allem durch externe Faktoren wie geopolitische Krisen und fehlendes Wirtschaftswachstum, hat sich das Bild merklich verändert. Die allgemeine Stimmung bremst die Innovationsbereitschaft und damit die Nachfrage hierzulande.

Für uns bedeutet die aktuelle Situation dennoch eine Chance – nicht, weil wir grenzenlose Optimisten sind, sondern weil wir bewusst Zuversicht in den Vordergrund stellen und ein marktrelevantes Angebot haben. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir gelernt, mit Krisen aller Art umzugehen und sie zu meistern: als Menschen, als Organisation, als Unternehmen – und als Ricoh-Konzern. Dieses Wissen und diese Erfahrung geben uns die richtigen Werkzeuge an die Hand, um auch diese herausfordernde Phase erfolgreich zu bewältigen.

Ricoh ist mit seinem Portfolio und seinen Services insgesamt so breit und stark aufgestellt, dass wir unseren Kunden auch in Krisenzeiten helfen können, ihre Herausforderungen zu meistern.

Wir sind überzeugt, dass sich gerade jetzt Chancen eröffnen, wenn man die richtigen Themen adressiert. Auch in dieser Phase gibt es Möglichkeiten, erfolgreich Geschäfte zu machen und Unternehmen auf ihrem Weg zu unterstützen.

Alfried Große: Den Politikwechsel von der Ampelkoalition zu einer erneuten CDU-geführten GroKo haben viele Unternehmen mit einem spürbaren wirtschaftlichen Aufschwung verbunden. Sehen Sie die aktuelle Regierung auf einem richtigen Weg oder was würden Sie der Wirtschaftsministerin zurufen wollen?

Michael Raberger: Ja, ich glaube grundsätzlich, dass diese geplanten Milliardeninvestitionen für Deutschland zumindest ein Stück weit für Aufatmen gesorgt und ein bisschen mehr Zuversicht geschaffen haben.

Ich pendle jede Woche zwischen Österreich und Deutschland und treffe dabei regelmäßig Menschen, die in Österreich leben, aber für deutsche Unternehmen arbeiten. Mit ihnen tausche ich mich intensiv aus – und wir sind uns eigentlich einig in unserer Beobachtung, dass in den letzten Monaten wieder ein Stück Zuversicht entstanden ist. Das spiegeln uns auch viele unserer Kunden hier in Deutschland wider.

Ich denke, das ist nicht zuletzt auf die Investitionsbereitschaft und den klaren Investitionsfokus der aktuellen Politik zurückzuführen. Es wäre allerdings vermessen, nach so kurzer Zeit schon ein endgültiges Urteil darüber zu fällen, was diese Regierung leisten kann. Und vielleicht liegt es auch an meinen österreichischen Wurzeln, dass ich es gewohnt bin, dass über alles und jeden genörgelt wird.

Aber grundsätzlich bleibt für mich festzuhalten: Diese Milliardeninvestitionen anzustoßen und die Bereitschaft zu zeigen, in Digitalisierung und Infrastruktur zu investieren, ist ein wichtiger und richtiger Schritt. Das hilft uns als Dienstleister, aber vor allem auch unseren Kunden.

Alfried Große: Was müsste denn Ihrer Meinung nach ganz konkret passieren, damit hierzulande Unternehmen wieder ganz generell Planungs- und Investitionssicherheit haben?

Michael Raberger: Ich glaube, ein ganz großes Thema, das uns in Deutschland beschäftigt, ist die Bürokratie und die damit verbundene Regulierung. Das hemmt an allen Ecken und Enden. Hier braucht es dringend Entlastung, mehr Pragmatismus und vor allem mehr Tempo. Genau das macht Unternehmen oft das Arbeiten oder Gründen in Deutschland schwer und frustriert viele.

Ein weiterer Punkt ist die Digitalisierung. Wenn man sich allein die Internet- und Telefoninfrastruktur anschaut, fällt auf, wie viel Luft nach oben noch ist. Ich fahre viel durch Deutschland und wundere mich immer wieder, wie oft ich einfach nicht erreichbar bin, weil das Netz nicht funktioniert. Für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und die größte in Europa ist das schlicht nicht angemessen. Hier müssen wir dringend nachbessern und bessere Rahmenbedingungen schaffen.

Und letztlich, glaube ich, braucht es auch Investitionsanreize für ausländische Unternehmen, um nach Deutschland zu kommen. Dazu gehören aus meiner Sicht vor allem attraktivere Energiepreise – gerade für das produzierende Gewerbe. Die Realität ist leider, dass wir hier seit Langem zu den Ländern mit den höchsten Energiekosten zählen.

Alfried Große: Ist Deutschland für Ricoh nach wie vor ein Expansionsmarkt?

Michael Raberger: Absolut. Deutschland nimmt für uns eine besondere Rolle ein. Natürlich sind wir eng mit Europa verbunden – wie alle unsere Schwestergesellschaften auf dem Kontinent. Aber allein durch die Größe und Bedeutung des deutschen Marktes haben wir einen sehr direkten Draht nach Japan. Ich würde sogar sagen: Es gibt kein Land, das so viel Aufmerksamkeit seitens unseres Eigentümers und des japanischen Headquarters erhält wie Deutschland. Wir werden hier als ein massiver Wachstumsmarkt gesehen.

Ich komme gerade aus einem Meeting mit unserem europäischen CEO David Mills. In diesem Gespräch ging es um einen großen deutschen Kunden, den wir unbedingt für uns gewinnen möchten. So ein Vorhaben gelingt nicht ohne die Unterstützung sowohl von Ricoh Europe als auch von Ricoh Japan. Deutschland genießt also einen enormen Stellenwert und spielt in unserer globalen Unternehmensstrategie eine absolut außergewöhnliche Rolle.

Alfried Große: Als Teil eines globalen Konzerns, wie groß ist denn da Ihr Gestaltungsspielraum bei lokalen Entscheidungen?

Michael Raberger: Das hängt natürlich ein Stück weit davon ab, wie man „lokale Entscheidungen“ definiert. Geht es um Kunden oder konkrete Projekte, ist der Entscheidungsspielraum hierzulande sehr groß – und das vor allem mit dem Rückenwind, den wir gerade in den letzten Monaten sowohl aus unserem europäischen Headquarter als auch aus Japan erfahren.

Die Freiheit, in Deutschland ins Wachstum zu investieren – sei es durch neue Mitarbeitende im Vertrieb, die Erschließung neuer Geschäftsfelder oder das Gewinnen von Kunden – ist hier wirklich groß.

Einer der Gründe, warum ich nach mittlerweile 15 Jahren immer noch bei Ricoh bin, liegt genau darin: Ich komme ursprünglich aus einer Unternehmerfamilie und habe den Wechsel in eine Angestelltenrolle nie bereut, weil Ricoh es schafft, Konzernstrukturen mit echter unternehmerischer Freiheit zu verbinden. Dieses Umfeld gibt mir die Möglichkeit, mich einzubringen, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen – und das empfinde ich als sehr wertvoll.

Alfried Große: Die Bundesregierung erhöht den Druck in Sachen Digitalisierung. Wir haben mittlerweile einen eigenen Digitalminister, Carsten Wildberger. Wie bewerten Sie seine Chancen, das, was er sich vorgenommen hat, auch umsetzen zu können?

Michael Raberger: Ich weiß nicht, ob es dafür unbedingt einen Minister braucht, um Digitalisierung voranzutreiben. In Wahrheit beginnt dieser Prozess ja viel niederschwelliger – in der Bereitschaft von Unternehmern, ein digitales Mindset zu entwickeln und ihre Unternehmensprozesse auf digitale Plattformen zu stellen. Das ist in vielen Firmen längst Realität, sonst könnten sie überhaupt nicht mehr arbeiten. Papier wird immer weniger hin und her geschoben – heute wird digital nicht nur kommuniziert, sondern auch tatsächlich gearbeitet.

Natürlich muss Digitalisierung in großen, infrastrukturellen Bereichen – wie wir vorhin besprochen haben, etwa beim Internet- oder Mobilfunkausbau – auch von oben angestoßen werden. Aber die breite Umsetzung wird letztlich aus dem Unternehmertum selbst kommen.

Wenn es Förderprogramme gibt, die Unternehmen dabei unterstützen, in Digitalisierung zu investieren – sei es in digitale Archive, Dokumentenmanagementsysteme, KI oder moderne Meeting-Formate und -Technologien –, dann werden diese Mittel auch genutzt werden.

Entscheidend ist aus meiner Sicht, ein echtes digitales Mindset zu schaffen und gleichzeitig finanzielle Anreize zu bieten, um auch in einem aktuell schwierigen wirtschaftlichen Umfeld Investitionen in Digitalisierung attraktiv zu machen.

Ricoh Deutschland Zentrale Hannover

Alfried Große: Sie sprachen gerade das Thema Mindset an. Künstliche Intelligenz ist momentan in aller Munde, aber nicht unbedingt immer positiv. Sehen Sie persönlich KI eher als Effizienztreiber und als Enabler für neue Geschäftsmodelle oder als Gefahr für die Menschen?

Michael Raberger: Also, ich glaube – nein, ich bin überzeugt –, dass es beides bewirken kann. Einerseits eröffnet KI natürlich die Möglichkeit, viele transaktionale, wiederkehrende Prozesse zu automatisieren. Und das ist der Punkt, an dem der zweite Teil meiner Antwort ansetzt: Dadurch gewinnen Menschen Zeit und Raum, sich auf die kreativen Aufgaben zu konzentrieren, die ihnen eigen sind.

Es geht darum, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, echte Interaktion mit Kunden zu pflegen – und zwar nicht im Sinne von Tickets abarbeiten oder Chatbots bedienen, sondern im Sinne von echter Kreativität und Innovation. Genau deshalb bin ich ein großer Fan dieser Technologien und überzeugt davon, dass beides möglich ist: Automatisierung und gleichzeitig mehr Raum für Menschlichkeit und Kreativität.

Wie bei jedem technologischen Fortschritt – und das war schon zu Zeiten der industriellen Revolution so – werden bestimmte Jobs verschwinden, aber neue werden entstehen. Am Ende, davon bin ich fest überzeugt, werden die positiven Effekte überwiegen. KI und andere Technologien geben uns die Chance, Arbeit menschenwürdiger und erfüllender zu gestalten. Für mich überwiegt deshalb ganz klar die Chance.

Alfried Große: Hybrides Arbeiten ist auch so ein Buzz-Word unserer Tage. Viele Unternehmen diskutieren darüber. Wie halten Sie es denn in Ihrem Unternehmen?

Michael Raberger: Wir hatten in der Vergangenheit bei Ricoh Deutschland die besondere Situation, dass unsere Mitarbeitenden bis vor kurzem nur an einem Tag pro Woche im Büro waren und an vier Tagen mobil arbeiten konnten. Dabei unterscheiden wir ganz bewusst zwischen Home-Office und mobilem Arbeiten: Mobil bedeutet „überall, nur nicht im Büro“, während Home-Office eine feste Arbeitssituation von zu Hause meint. Solche Arbeitsverträge gibt es bei uns auch. Dieses Modell ist ein Stück weit aus der Corona-Zeit heraus entstanden, als wir Struktur in eine damals sehr chaotische Situation bringen mussten. Und das hat für diese Phase auch sehr gut funktioniert. Mittlerweile haben wir auf mindestens zwei feste Office-Tage und drei Tage mobil pro Woche umgestellt. Mehr Präsenz im Büro motiviert unsere Mitarbeitenden, Teamkultur zu pflegen, Ideen zu entwickeln und gemeinsam Zukunft zu gestalten. Ob einen oder zwei Präsenztage, insgesamt sind wir aber nach wie vor auf einer sehr progressiven Seite, wenn es um hybrides Arbeiten geht.

Alfried Große: Wenn man mal davon ausgeht, dass die Digitalisierung so viel Fahrt aufnimmt, wie sich das viele wünschen, bedeutet das vor allem digitalisierte automatisierte Workflows im Büroalltag. Managed Services und Cloud-Anwendungen werden immer wichtiger. Verliert die Hardware in Zukunft an Bedeutung? Nach dem Motto: Software is Key?

Michael Raberger: Aus meiner Sicht ist es so: Die Überwindung des Medienbruchs – also der Übergang von physischen zu digitalen Informationen – funktioniert ohne Hardware nicht. Irgendwo muss der Prozess der Digitalisierung schließlich beginnen. Solange wir eine hybride Arbeitswelt haben, in der sowohl physische als auch digitale Informationen im Umlauf sind, wird Hardware aus meiner Sicht auch in den kommenden Jahrzehnten eine große Bedeutung behalten.

Was sich jedoch stark verändert, ist, dass Hardware zunehmend intelligenter wird – und hier haben wir in den letzten Jahren sehr viel investiert. Ein Beispiel ist unsere eigene Software Streamline NX, die weit mehr kann als klassisches Flottenmanagement: Sie bietet Authentifizierung, strukturiert Informationen und verteilt diese gezielt an nachgelagerte Systeme. Zusätzlich haben wir mit dem Kauf von Natif.ai ein Unternehmen integriert, das auf intelligente Dokumenten-Indexierung mit Hilfe Künstlicher Intelligenz spezialisiert ist.

Damit können wir den nächsten Schritt automatisieren: Vom Scanprozess über die automatische Indexierung von Dokumenten und Informationen bis hin zur Übergabe dieser Indexdaten an DocuWare – unser digitales Archiv- und Workflow-System.

So schließt sich für uns der Kreis: Hardware ist und bleibt die Basis, um Medienbrüche zu überwinden. Darauf setzen wir Softwarelösungen, die Informationen weiter anreichern, strukturieren und veredeln. Ja, der Softwareanteil wächst stetig, aber wir sind weit davon entfernt, dass Hardware dadurch an Relevanz verliert. Im Gegenteil: Mit unserer neuen Produktserie werten wir unsere Hardware gezielt auf – etwa durch Hochleistungs-Dokumentenscanner. Wir sehen bei unseren Kunden nach wie vor, dass genau diese Fähigkeit, physische und digitale Welten zu verbinden, eine zentrale Rolle spielt – und dass darauf aufbauend große Wertschöpfung in den digitalen Prozessen entsteht.

Alfried Große: Die Entwicklung zeigt, dass die technischen Innovationssprünge immer kleiner werden. Sicherlich benötigt die Software die Hardware als Vehikel. Aber ich glaube, dass in naher Zukunft die Hardware-Möglichkeiten ausgereizt sind und dann sind Digitalisierungs-Services die Geschäftstreiber. Derzeit liefern Sie Hardware- und Software-Services, damit überhaupt Prozesse automatisiert und digitalisiert werden können. Sind Sie als Unternehmen auf diese Entwicklung vorbereitet?

Michael Raberger: Und genau darin liegt aus meiner Sicht die klare Differenzierung von Ricoh im Vergleich zu vielen unserer Wettbewerber. Wenn wir über Hardware sprechen, stimme ich Ihnen vollkommen zu: Die Innovationszyklen sind hier weitgehend ausgeschöpft. Die entscheidenden Entwicklungen betreffen vor allem Aspekte wie Nachhaltigkeit – also wie ressourcenschonend produziert wird, wie lange Geräte nutzbar sind und wie effizient sie im Betrieb arbeiten.

Innovation im Hardwarebereich bedeutet heute zum Beispiel, den Stromverbrauch zu reduzieren oder einen möglichst hohen Anteil recycelter Materialien einzusetzen. Im Kunststoffbereich liegen wir hier bereits bei über 50 % und steigern diesen Anteil kontinuierlich – ein wichtiger Beitrag zur Circular Economy.

Die eigentliche Innovation, gerade wenn es um Workflow-Optimierung geht, passiert heute jedoch fast ausschließlich im Softwarebereich. Hier setzen wir stark auf die Integration aller Prozesse: von der Authentifizierung und dem Scanprozess über die intelligente Verarbeitung von Bilddaten bis hin zur Weiterleitung in digitale Workflow-Systeme, zum digitalen Archiv und zu nachgelagerten Fachanwendungen. Diesen gesamten Zyklus decken wir End-to-End ab – und genau darin liegt unsere Stärke. Entsprechend fließt auch ein Großteil der aktuellen Investitionen von Ricoh in diesen Bereich.

Alfried Große: Vor diesem Hintergrund, wie würden Sie Ihre Marktposition im MFP-Markt beschreiben? Und wo würden Sie gerne noch hin?

Michael Raberger: Wenn man es rein aus der Marktanteilsperspektive betrachtet, stammt weltweit knapp jeder fünfte verkaufte A3-MFP von Ricoh. In Deutschland wollen wir unseren Marktanteil in den nächsten 3 Jahren noch einmal deutlich ausbauen und damit der Wichtigkeit des deutschen Marktes Rechnung tragen. Das Wachstum steht dabei im Einklang zwischen Direktvertrieb und Partnern, als auch in den verschiedenen Kundensegmenten. 

Unsere Position ist stark und wir sehen unsere weiteren Wachstums­potenziale vorrangig bei Kunden, die einen innovativen Partner suchen, der sowohl nachhaltig produziert, aber auch die Prozesse verbessert. Auf globaler Ebene arbeitet Ricoh in einem Joint Venture mit Toshiba und Oki zusammen, um R&D und Produktionsressourcen zu bündeln und Innovationen weiter voranzutreiben.

Alfried Große: Wachsen ist das eine, aber wie entwickelt man vor dem Hintergrund, dass in diesem Markt je nach Marktmodell, Funktion, Vertriebsweg und Verkaufsplattform die Gerätepreise stark variieren, eine vernünftige Preis- und Vertriebsstrategie? Oder anders gefragt: Wie bekommt man da noch profitables Wachstum hin?

Michael Raberger: Ja, wir sind als Ricoh ganz klar B2B-orientiert. Wir verkaufen nicht an Endkonsumenten und haben auch gar nicht die Produktpalette dafür. Unser Fokus liegt auf der direkten Vermarktung an Geschäftskunden über unseren eigenen Direktvertrieb. Gleichzeitig spielt für uns der Partnerkanal eine zentrale und essentiell wichtige Rolle – nicht zuletzt, weil der deutsche Markt traditionell extrem partnergetrieben ist.

Gerade in diesem Jahr sehen wir hier sehr erfreuliche Wachstumsraten im indirekten Partnervertrieb.

Natürlich gibt es insbesondere bei großen Projekten, etwa bei öffentlichen Ausschreibungen, wo Preise oft über E-Auktionen festgelegt werden, einen starken Wettbewerbsdruck. Aber im Mittelstandsgeschäft – und das ist ja für Deutschland ein besonders relevantes Segment – haben wir besonders gute Chancen, erfolgreich zu sein. Wichtig ist dabei, nicht nur auf technische Spezifikationen oder Box-Moving zu setzen, sondern echten Mehrwert zu bieten.

Unser Ansatz ist es, diesen Mehrwert über eine End-to-End-Betrachtung des gesamten Dokumentenlebenszyklus zu schaffen. Wir stellen also nicht nur Hardware in den Vordergrund, sondern sehen sie als zentrales Element, um den Medienbruch zu überwinden und Dokumentenprozesse nahtlos bis hin zum Arbeitsplatz zu begleiten. Diesen vollständigen Prozess können wir sowohl direkt als auch über Partner optimal abdecken.<p>

Mein Eindruck ist daher, dass wir in Sachen Preisstabilität und Marktposition gar nicht so viele Probleme haben, wie man vielleicht denken könnte – gerade, wenn man den Mehrwert konsequent herausstellt.

Alfried Große: Sie sagen selbst, dass Sie einen Großteil Ihres Geschäfts über Partner abwickeln. Und nach allem, was ich so aus dem Markt höre, wenn ich mit den verschiedenen Herstellern spreche, klagt eigentlich jeder – spätestens hinter vorgehaltener Hand –, dass viele Händler in erster Linie über den Preis verkaufen. Da geht es oft nur um Klick-Preise oder Geschwindigkeit. Kaum jemand scheint auf die Idee zu kommen, ein Modell zu verfolgen, das langfristig profitabler ist – zum Beispiel, indem man Cloud-Services oder Managed Services konsequent mit verkauft.

Michael Raberger: Das erleben wir tatsächlich anders. Wir haben Fachhandelspartner, die sehr wohl in der Lage sind, echten Mehrwert zu verkaufen. Ein gutes Beispiel ist DocuWare – Sie wissen ja, das ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft von Ricoh Japan. In Deutschland wird rund 60 Prozent des DocuWare-Umsatzes über unseren Partnerkanal erwirtschaftet. Unsere Partner sind hier oft sogar innovativer als wir selbst im Direktvertrieb. Sie schaffen es, über die Box hinaus echten Mehrwert zu generieren – und damit auch eine klare Investitionsberechtigung, die weit über technische Spezifikationen und Preisvergleiche hinausgeht. Wir sind immer wieder begeistert von den Referenzprojekten, die dort umgesetzt werden.

Ricoh Deutschland ist weltweit der größte DocuWare-Partner – und damit ist auch unser Fachhandelspartnernetz das erfolgreichste DocuWare-Vertriebsnetz überhaupt. Natürlich gilt das nicht für 100 Prozent unserer Partner, aber unsere Top-Partner sind mindestens so entwickelt wie wir selbst.

Und ja, wir tun sehr viel, um das zu fördern: Wir bieten regelmäßige Trainings, Conventions, Aus- und Weiterbildungen und Zertifizierungen an. Wir sind da extrem nah an unseren Partnern dran und sehr stolz darauf, was sie leisten können.

Was den Return on Investment betrifft: Diese Investitionen in Schulung und Partnerentwicklung zahlen sich aus – nicht nur in Umsatzzahlen, sondern auch in langfristigen Kundenbeziehungen, innovativen Projekten und in der Marktpositionierung, die wir dadurch gemeinsam erreichen.

Alfried Große: Können Sie den ROI bei Ihren Partnern messen?

Michael Raberger: Ja, natürlich. Wir vereinbaren mit unseren Partnern jedes Jahr konkrete Ziele – für Hardware, Verbrauchsmaterialien, Software und speziell auch für das Wachstum mit DocuWare. Dabei stellen wir unsere Investitionen regelmäßig den erzielten Umsätzen und Trends gegenüber. Gerade bei unseren Partnern in den höchsten Zertifizierungskategorien ist der Return eindeutig messbar. Kurz gesagt: Wir investieren dort, wo wir können – und sehen ganz klar, dass sich diese Investitionen lohnen.

Michael Raberger, CEO der Ricoh Deutschland GmbH:

Alfried Große: Durch die zunehmende Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird das Geschäft ja immer komplexer und anspruchsvoller. Neben den Mitbewerbern und – manchmal auch dem eigenen Direktvertrieb – kommt für den Fachhandel aus meiner Sicht noch eine zusätzliche Konkurrenz hinzu: die Systemhäuser. Die bringen vielfach genau das mit, worüber wir gerade gesprochen haben – Vermarktungskonzepte, Cloud-Strategien, Managed-Services-Modelle. Es gibt ja bereits Systemhäuser, die gezielt klassische Fachhändler übernehmen, um sich das spezielle Know-how einzukaufen.

Michael Raberger: Ist es nicht oft auch genau andersherum? Ich würde sogar sagen: Bei unseren Top fünf bis zehn Fachhändlern haben fast alle in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren Systemhäuser akquiriert oder entsprechende Kompetenzen selbst aufgebaut. Natürlich handelt es sich dabei oft um lokale Strukturen, aber viele Fachhändler haben sehr bewusst in diese Fähigkeiten investiert – gerade die, die schon lange erfolgreich wirtschaften. Deshalb glaube ich: Es geht in beide Richtungen.

Unsere Top-Partner haben sehr früh begonnen, in neue Geschäftsfelder zu investieren, und sind in vielen Bereichen mindestens so weit wie wir selbst mit unseren direkten Aktivitäten – teilweise sogar weiter. Gleichzeitig gibt es natürlich auch Fachhändler, bei denen Nachfolgethemen oder Generationswechsel anstehen. Für Systemhäuser kann es dann attraktiv sein, über solche Übernahmen zu diversifizieren.

Man darf nicht vergessen: Auch Systemhäuser sind sehr unterschiedlich. Es gibt die, die früh in Cloud und Managed Services eingestiegen sind, und es gibt nach wie vor klassische „Boxmover“. Für Letztere kann es eine interessante Option sein, einen Fachhändler mit Serviceverträgen zu übernehmen, um sich ein stabileres Einkommen zu sichern.

Ich denke daher: Beides ist Realität. Ja, es wird sicher Fachhändler geben, die diesen Weg nicht mitgehen wollen oder können. Aber ich bin überzeugt, dass der klassische Fachhandel – zumindest jener, der in den letzten Jahren gezielt diversifiziert hat – auch in Zukunft eine sehr starke Rolle spielen wird. Das Beispiel Ricoh zeigt, dass es möglich ist, diesen Wandel zu gestalten.

Man muss hier sehr genau differenzieren, aus welcher Perspektive man diese Diversifizierung oder Veränderung eines Geschäftsmodells betrachtet. Ich bin überzeugt – und das betrifft uns in Teilen auch in unserer eigenen Direktvertriebsorganisation –, dass einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für die Zukunft ein klarer strategischer Fokus ist. Dazu gehört untrennbar auch ein klarer Portfolio-Fokus. Für den klassischen Fachhändler sehe ich eine sehr gut besetzbare Nische: die Positionierung des MFP als „Digitalisierungshub“. Also als Schnittstelle zwischen physischer und digitaler Information – ergänzt um Software, die diesen Digitalisierungsprozess bis hin zu nachgelagerten ERP-Systemen begleitet.

Auf der anderen Seite gibt es die klassischen Systemintegratoren, die aus den Bereichen Netzwerk, Data Center und Infrastruktur kommen. Die entscheidende Frage lautet: Muss der klassische Fachhändler jetzt zwangsläufig ein Systemintegrator im traditionellen Sinn werden und sich tiefgehend mit Netzwerk- und Infrastrukturthemen befassen? Oder ist es nicht viel sinnvoller, wenn er seinen Weg in der Wertschöpfungskette eher in Richtung Arbeitsplatz sucht – nicht aus einem Netzwerkfokus heraus, sondern aus einem Digitalisierungsfokus? Dort, wo er glaubwürdig ist und seine Stärken hat.

Ich bin überzeugt, dass für Fachhändler wie auch für Direktvertriebs­organisationen Transformation und Nachhaltigkeit möglich ist, wenn Klarheit im Fokus und im Portfolio herrscht. Für Ricoh Deutschland gilt dasselbe. Wir könnten theoretisch morgen beschließen, ein klassisches Systemintegrationshaus zu werden. Aber das wäre ein weiter Weg. Organisch und profitabel ist so ein Wandel kaum zu stemmen – das geht nur durch Zukäufe und anorganisches Wachstum.

Genau deshalb legen wir so viel Wert auf einen klaren Fokus und begleiten unsere Fachhandelspartner gezielt auf diesem Weg. Wir haben als Konzern den Vorteil von Größe und Kapitalstärke. Das erlaubt es uns, strategische Entscheidungen zu treffen: Wollen wir ein Systemintegrationshaus kaufen? Wollen wir weiter in IP-Infrastruktur investieren? Wollen wir stärker in Kommunikationsservices oder Managed-AV-Lösungen wachsen? Diese Möglichkeiten haben wir. Aber auch für uns ist absolute Klarheit in Ausrichtung und Portfolio entscheidend.

Alfried Große: Eine weitere große Herausforderung auf der Fachhandelsseite ist das Thema Production Printing. Der Markt bietet riesiges Potenzial. Aber derartige Systeme zu verkaufen, erfordert ein ganz anderes Know-how, als dies für Drucker oder MFPs nötig ist. Wie finden Sie passende Partner und wie differenzieren Sie sich in diesem Segment, um für diese spezialisierten Händler attraktiv zu sein?

Michael Raberger: Das ist wahrscheinlich eines der größten Entwicklungsfelder, die wir aktuell haben. In unserer klassischen Fachhandels­ausrichtung sind wir – bis auf einige wenige Ausnahmen, die man fast an einer Hand abzählen kann – sehr stark auf Office Printing und Process Automation fokussiert. Da gibt es natürlich noch erhebliches Potenzial.

Ricoh war im Bereich Production Printing ein Stück weit ein Spätstarter. Verglichen mit den klassischen Größen in diesem Segment sind wir relativ spät in diesen Markt eingestiegen. Gleichzeitig haben wir unser Portfolio aber in einer beeindruckenden Breite und Geschwindigkeit ausgebaut und gehören jetzt zu den größten Anbietern.

Unser Angebot reicht längst nicht nur bis hin zu Cut-Sheet-Systemen, sondern umfasst auch Endlos-Infrastrukturen und hochspezialisierte Maschinen. Damit werden wir für Fachhandelspartner zunehmend attraktiv, weil wir ein sehr breites Portfolio bieten. Trotzdem erleben wir bei vielen Partnern noch Zurückhaltung, in diesen Bereich zu investieren. Viele sagen: „Im Office-Bereich läuft es gut.“ Andere diversifizieren eher in Richtung Dokumentenmanagementsysteme oder sind stark im Büromöbelgeschäft – eine Kombination, die ebenfalls sehr gut zusammenpasst.

Die Erweiterung unseres Fußabdrucks im Bereich Production Printing bleibt anspruchsvoll und ist eher ein langsamer Prozess, wenngleich es auch sehr gute Einstiegsmodelle für den Start in diesem Markt gibt. Wachstum im High-End-Bereich – insbesondere High-Speed Inkjet –erzielen wir hier derzeit vorrangig über unser Direktgeschäft. Gerade bei komplexen Themen mit sehr hohem Investitionsvolumen – und das ist in einigen Bereichen bei Production Printing der Fall – ist es ein großer Vorteil, eine starke und spezialisierte Direktvertriebsorganisation zu haben. So können wir diese Themen gezielt beim Endkunden platzieren und professionell umsetzen. Besonders im Bereich des tintenbasierten Endlosdrucks, wäre es mit der aktuellen Fachhandelsstruktur schlicht nicht darstellbar, solche Projekte in dieser Tiefe und Komplexität abzubilden.

Alfried Große: Aber auch im Direktvertrieb benötigen Sie entsprechende Spezialisten für diese anspruchsvollen Systeme?

Michael Raberger: Wir haben eine dedizierte Vertriebsorganisation, die wir „Line of Business“ nennen. Diese Einheit besteht aus Sales-, Pre-Sales-, Projektmanagement- und Service-Teams, die sich ausschließlich mit dem Thema Produktionsdruck befassen und direkt an Endkunden verkaufen.

Wir differenzieren dabei sehr bewusst zwischen zwei Kundengruppen: den sogenannten „Corporate“-Kunden, also Unternehmen, die Produktionsdrucksysteme für interne Zwecke nutzen, und den „Commercials“, also Unternehmen, die mit dem Bedrucken von Papier tatsächlich Geld verdienen. Gerade der Commercial-Bereich wird von einer spezialisierten Vertriebs-, Projektmanagement- und Servicemannschaft betreut, die nichts anderes macht als dieses Geschäft.

So haben wir einen sehr klaren Fokus geschaffen und können auf viele Jahre Erfahrung zurückgreifen. Diese klare Struktur und Spezialisierung haben sich bewährt – und das Geschäft entwickelt sich entsprechend gut.

 

Michael Raberger, CEO der Ricoh Deutschland GmbH

Alfried Große: Ich möchte ganz gerne noch auf den AV-Markt zu sprechen kommen. Sie sehen hier ein riesen Marktpotenzial. Woran machen Sie das fest?

Michael Raberger: Der Markt für Office Printing – also unser Kerngeschäft – ist in Deutschland etwa zwei Milliarden Euro groß, wenn man Hardware, Software und Services zusammenzählt. Interessanterweise ist der für uns adressierbare AV-Markt (Audio-Visual) in etwa genauso groß: ebenfalls rund zwei Milliarden Euro.

Allein im Office-Printing-Bereich erzielen wir mit unseren Bestandskunden etwa fünf- bis sechsmal so viel Umsatz wie im AV-Bereich, den wir Workplace Experience nennen. Würden wir bei gleicher Marktgröße eine vollständige Durchdringung im AV-Bereich schaffen, also jedem Kunden, der ein Office-Printing-Kunde ist, auch AV-Services verkaufen, würden wir unseren Umsatz in diesem Bereich entsprechend vervielfachen können.

Hinzu kommt, dass wir im Office-Printing-Bereich kaum noch auf Kunden stoßen, die sagen: „Gut, dass ihr kommt – wir haben ja gar keinen Drucker.“ Der Markt ist weitgehend gesättigt. Ganz anders ist es im AV-Segment: Rund 85 Prozent der Besprechungsräume in Deutschland sind heute noch nicht so ausgestattet, dass hybride Meetings oder Videokonferenzen problemlos möglich sind. Das zeigt das enorme Potenzial in der Digitalisierung von Meetingräumen.

Dazu kommt, dass viele Unternehmen, die bereits vor Jahren in AV-Technologien investiert haben, jetzt erneut Bedarf haben, um sich an Standards wie Microsoft Teams oder andere moderne Plattformen anzupassen. Wir erleben immer wieder Situationen, in denen Besprechungsräume noch mit Flipcharts oder Deckenprojektorenlösungen ausgestattet sind. Viele Kunden sagen inzwischen ganz klar: „Wir müssen hier etwas tun – wir sind noch nicht fit für hybrides Arbeiten.“

Das unterscheidet diesen Markt deutlich vom Printing-Segment, in dem es weniger um Innovation als um Stabilität geht. Im AV-Bereich sehen wir enormes Potenzial, nicht nur durch Hardware-Verkäufe, sondern vor allem durch ein anderes Geschäftsmodell: Wir setzen stark auf Managed Services, basierend auf unserem Know-how aus dem Druckgeschäft. Statt klassischer Investitionen von beispielsweise 30.000 Euro pro Raum bieten wir Kunden Miet- und Serviceverträge schon ab etwa 300 Euro pro Monat an.

Das Modell senkt die Einstiegshürden und macht den Umstieg für viele Unternehmen attraktiver. Der Managed-Services-Bereich im AV-Markt ist der wachstumsstärkste Teil des Segments – wenn auch noch auf relativ niedrigem Niveau. Für uns eröffnet er eine riesige Chance, langfristig Marktanteile zu gewinnen und Kunden durch flexible Lösungen zu überzeugen.

Alfried Große: Sie wollen das aus dem Kopierer-Markt erprobte Miet- oder Leasingmodell in den AV-Markt übertragen. Bisher war es ja üblich, dass Unternehmen ihre Ausstattung gekauft haben. Wie groß ist das Risiko, dass Unternehmen hier nicht mitziehen?

Michael Raberger: Ich denke, hier kann man gut eine Analogie zu unserem Kerngeschäft ziehen. Vor rund 20 Jahren haben wir den Markt revolutioniert, indem wir den Wechsel vom klassischen „Ich kaufe mir einen Kopierer, mit oder ohne Servicevertrag“ hin zu einem Managed-Service-Modell vollzogen haben – also „Pay per Page“ inklusive Service. Genau diesen Ansatz übertragen wir jetzt auf den AV-Bereich.

Für uns ist das gar nicht so schwierig, weil unsere Bestandskunden dieses Modell bereits aus dem Office-Printing kennen: Hardware und Service refinanziert über eine Vertragslaufzeit von drei, vier oder fünf Jahren – ergänzt um Servicekomponenten. Das Konzept ist also weder für unseren Vertrieb noch für unsere Serviceorganisation neu, und auch für viele Kunden ist es ein vertrauter Gedanke.

Wenn wir Neukunden ansprechen, stoßen wir in der Regel nicht auf Skepsis, sondern eher auf großes Interesse. Denn die Verwaltung und der Betrieb von Meetingraum-Technologie ist für viele Unternehmen – vom Konzern bis zum Mittelstand – ein echter Pain Point. Die Fragen sind überall die gleichen: Was passiert, wenn mal etwas nicht funktioniert? Wer hilft mir dann? Wer stellt sicher, dass Systeme sofort wieder einsatzbereit sind? Genau da setzen wir mit unserem Serviceansatz an.

Die eigentliche Herausforderung liegt weniger in der Kundenakzeptanz, sondern in der Standardisierung. Wenn ich als Hersteller auch als Integrator auftrete, bedeutet das für den Kunden: Er erhält die beste Lösung, egal ob aus Eigen- oder Drittprodukten, perfekt integriert. Gleichzeitig sprechen wir hier von einer nahezu unbegrenzten Anzahl an Konfigurationsmöglichkeiten.

Unsere Aufgabe ist es daher, diese Vielfalt so weit zu bündeln, dass wir standardisierte Pakete anbieten können, die sowohl einen hohen Servicegrad als auch Skalierbarkeit ermöglichen. Kunden wollen letztendlich nicht über den Hersteller des Displays oder der Kamera diskutieren, sondern einfach sicherstellen, dass Meetings reibungslos funktionieren. Diese Fokussierung und Standardisierung sind der Schlüssel für einen erfolgreichen Managed-Service-Ansatz im AV-Bereich.

Alfried Große: Wie berechnen Sie im Bereich der AV-Technik den ROI, nach dem spätestens der Controller fragt?

Michael Raberger: Der ROI von Multifunktionssystemen ist ja auch nicht immer leicht zu berechnen – da haben wir allerdings inzwischen viel Erfahrung. Klassischerweise basiert er auf Optimierungsrechnungen: Also der Frage, wie sich ein Investment rechtfertigt, wenn man durch den Wechsel von Hersteller A zu Hersteller B Kosten senken und Aufwände amortisieren kann, oder eben bei eingesparten Prozesskosten bei der Automatisierung und Workflowanbindungen.

Bei Investitionen in AV-Technologie funktioniert die Rechnung anders. Hier geht es nicht nur darum, Kosten gegenzurechnen, sondern darum, wie viel smarter ich mein Büro mache: Kann ich Quadratmeter reduzieren und Mietkosten sparen? Kann ich hybride Arbeitskonzepte einführen? Kann ich Reisekosten einsparen? Kann ich ein modernes Unternehmen schaffen, das engagierte Mitarbeitende anzieht und gleichzeitig Kosten im Griff hat?

Das ist letztlich die Formel: Neben den Personalkosten sind Raumkosten für viele Unternehmen der größte Posten. Eine Investition in moderne Arbeitsumgebungen rechtfertigt sich also vor allem dadurch, dass sie Effizienz schafft, Flächen optimiert und die Attraktivität als Arbeitgeber steigert.

Alfried Große: Wenn Sie drei Jahre vorspulen könnten, wie sieht Ricoh Deutschland 2028 aus?

Michael Raberger: Ricoh Deutschland ist heute der relevanteste Workspace Integrator im deutschen Markt – mit einem klaren Fokus auf informations- und dokumentenrelevante Prozesse. Wir haben ein engagiertes, motiviertes Team, das den Mut hat, sich ständig weiterzuentwickeln und an die Marktgegebenheiten anzupassen.

Darüber hinaus sind wir die erfolgreichste Organisation innerhalb des europäischen Konzerns.

Alfried Große: Sie haben ja keinen Nine-to-five-Job. Wie entspannen Sie sich und wie motivieren Sie sich jeden Tag?

Michael Raberger: Entspannen kann ich am besten mit Sport. Ich versuche jeden Tag, vor allem wenn ich unterwegs bin – also nicht zu Hause in Österreich –, mir etwa eine Stunde Zeit dafür zu nehmen. Das hilft mir sehr, um die Aufregungen des Tages hinter mir zu lassen.

Außerdem koche ich unglaublich gern. Das passiert allerdings eher zu Hause am Wochenende. Meine Frau ist Perserin, und Gastfreundschaft ist in der persischen Kultur ein fester Bestandteil des Lebens. Bei uns sind deshalb fast immer Gäste da, es wird viel gegessen – und ich kann mich da wunderbar beim Kochen einbringen. Und dann spiele ich eigentlich auch sehr gern Golf – wobei „spielen“ vielleicht zu viel gesagt ist. Ich bin ein miserabler Golfspieler, aber ich liebe es. Leider habe ich seit vier Jahren keinen Schläger mehr in der Hand gehabt. Mein Wunsch wäre es, dass ich in drei oder vier Jahren wenigstens einmal im Jahr Golf spielen kann – einfach, weil es die Zeit zulässt.

Alfried Große: Wo sehen Sie sich persönlich in fünf Jahren?

Michael Raberger: Privat hoffe ich, weniger als vier oder fünf Tage die Woche unterwegs zu sein. Beruflich sehe ich mich weiterhin an der Spitze von Ricoh Deutschland – vielleicht mit zusätzlichen Geschäftsfeldern, die wir erfolgreich entwickelt haben. Auf jeden Fall aber in einer starken Position im wichtigsten Markt Europas.

Alfried Große: Bezogen auf die letzten 12 Monate, was hat Sie in diesem Markt besonders überrascht?

Michael Raberger: Das bezieht sich vielleicht nicht nur auf die letzten zwölf Monate, aber wenn man – wie ich – aus einem kleineren Nachbarland kommt, ist das Potenzial im deutschen Markt einfach überwältigend. Selbst auf dem vergleichsweise niedrigen Nachfrageniveau der letzten Monate ist es beeindruckend, wie viel möglich ist, wenn man nah am Markt, nah am Kunden und nah an den Menschen arbeitet. Die Bereitschaft und Offenheit der Kunden und Ansprechpartner, gemeinsam neue Wege zu gehen – und das auf einer vertrauensvollen Basis –, empfinde ich als sehr bereichernd und positiv. In meinen dreieinhalb Jahren in Deutschland habe ich noch kein einziges negatives Erlebnis gehabt. Dafür bin ich jeden Tag dankbar – und ich freue mich, hier zu sein.

Alfried Große: Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank.

01.12.2025

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